Frankreich reagiert auf Terroranschläge

Nach den Terroranschlägen in Paris laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. Frankreichs Luftwaffe griff unterdessen Stellungen der IS-Terrormiliz in Syrien an, wo die Attentate Regierungsangaben zufolge geplant worden seien. Mehr Überwachung und eine viel entschlossenere Militärintervention sind nun nötig, meinen einige Kommentatoren. Andere bezweifeln, dass ein Krieg gegen die radikalislamische Ideologie zu gewinnen ist.

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The Irish Times (IE) / 15. November 2015

Mehr Überwachung führt zu noch mehr Terror

Ein Ausbau des Überwachungsstaats in den westlichen Gesellschaften wird es den islamistischen Terroristen nur leichter machen, noch mehr junge Menschen zu rekrutieren, warnt die linksliberale Tageszeitung The Irish Times: "In Großbritannien und Frankreich werden derzeit Gesetzesvorschläge für einen Ausbau der Onlineüberwachung diskutiert. Es wird zweifelsohne Bemühungen geben, die Befugnisse der Sicherheitsbehörden zu erweitern. Es wird schwer werden, derartigen Maßnahmen und anderen neuen Instrumenten für das Waffenarsenal des Staats politisch zu widerstehen. Doch für die Schergen der IS-Milizen, die in den Vororten von Paris mit ihren entfremdeten jungen Migranten Rekruten anheuern, werden diese Maßnahmen wie Manna vom Himmel sein. ... Außerdem besteht die reale Gefahr, dass die Terrorangriffe den Aufstieg der extremen Rechten, insbesondere des Front National vorantreiben. Die regierenden Parteien müssen der Versuchung widerstehen, die simplen Slogans der Rechten zu übernehmen."

444.hu (HU) / 15. November 2015

Gegen Ideologien kann man nicht gewinnen

Der Krieg gegen den Terrorismus lässt sich nicht gewinnen, weil er ein Kampf gegen eine Ideologie ist, analysiert das Nachrichtenportals 444.hu: "Seit mindestens 14 Jahren, seit den Terrorattentaten in New York im Jahr 2001, steht die westliche Welt mit dem radikalen Islam in einem Krieg. Die neueste Schlacht dieses Kriegs, der von den afghanischen Bergen über die syrische Wüste bis hin zu den französischen Banlieues in unterschiedlicher Intensität gefochten wird, fand Freitagnacht in Paris statt. Diesen Krieg kann der Westen nicht gewinnen, ist doch der Feind keine Armee, die sich auf dem Schlachtfeld besiegen, ermorden und gefangen nehmen lässt, sondern eine Ideologie. Kriege gegen Ideologien sind niemals restlos zu gewinnen. Das beste Beispiel dafür ist der letzte Kampf des Westens gegen eine Ideologie, der Kalte Krieg. Aus den Trümmern des Kalten Krieges steigt noch immer Rauch auf, am sichtbarsten in der Ostukraine."

15min (LT) / 16. November 2015

Nur Krieg hilft gegen diesen Terror

Die internationale Gemeinschaft muss nach den Terroranschlägen in Paris endlich einen harten Krieg gegen die IS-Terrormiliz führen, fordert der Journalist des Onlineportals 15min Paulius Gritėnas: "Es ist traurig, aber Frankreich und die Welt brauchte [nach Charlie Hebdo] noch eine schaurige Warnung, um sich endlich zusammenzureißen und den Kampf gegen die IS-Terrormiliz nicht nur der verwirrten Armee des Iraks oder den zerstreuten Gruppierungen Syriens anzuvertrauen. ... Ich hoffe sehr, dass sich endlich etwas ändern wird und dass nun endlich ein Krieg geführt wird. Die Radikalen des Islams haben ihn verdient. Sie haben den Tod verdient, den sie mit ihrem Kampf über ihre Opfer bringen. ... Nein, meine Damen und Herren, hier werden keine Minsker Vereinbarungen oder höfliche Verhandlungen helfen. Der radikale Islam stellt die Welt vor eine Herausforderung nach der anderen und wenn Sie meine Antwort darauf wollen, sie ist einfach: Krieg, nur Krieg."

Neue Zürcher Zeitung (CH) / 16. November 2015

Polizei, Geheimdienste und Armee aufrüsten

Mehr Überwachung und ein stärkeres militärisches Engagement im Nahen Osten sind die erforderlichen Antworten auf den islamistischen Terror, meint die liberal-konservative Neue Zürcher Zeitung: "Frankreich, das ohnehin schon eines der schärfsten Gesetze zur Terrorismusbekämpfung hat, wird Nachrichtendienste und Polizei ausbauen. Doch dies allein genügt nicht. Da es bei Anschlägen in Europa häufig grenzüberschreitende Bezüge gibt, müssen auch die Staaten ihre Anstrengungen verstärken, die wie Deutschland und die Schweiz ihre Sicherheitsbehörden mit Misstrauen betrachten und ihnen nur zögerlich neue Kompetenzen zugestehen. Europa sollte ferner den Kampf gegen die Urheber des Terrors in deren Länder tragen und sich mit aller Entschlossenheit im Nahen Osten militärisch engagieren, um den IS zu vernichten. Die enge Verzahnung von Polizei, Nachrichtendiensten und Armee bringt in der Epoche des globalen Jihad die besten Resultate. Die Amerikaner haben so die Kaida zerschlagen."

Jutarnji list (HR) / 16. November 2015

Pariser Lebensstil war symbolisches Ziel

Mit dem Terror wollten die Angreifer den Geist der Stadt Paris zerstören, glaubt die liberale Tageszeitung Jutarnji list: "Paris ist Symbol für eine Welt und einen Lebensstil den alle Fanatiker fürchten, die wollen, dass sich die Gesellschaft ihnen unterordnet, dass es nur eine von ihnen geduldete Wahrheit gibt und nur eine Religion, die von ihnen gedeutet und für Recht befunden wird. Sie sind sich bewusst, dass in dieser Welt niemand ihre Glaubenssätze annehmen wird und das macht sie wütend; so wütend, wie wenn sie Frauen sehen, die sich anziehen wie es ihnen beliebt, Mädchen in Schulen und Pärchen, die sich an den Händen halten und küssen. Darüber schrieb schon Salman Rushdie vor zehn Jahren. Deshalb werden diese Fanatiker auch weiterhin angreifen, um zu versuchen diese Welt zu zerstören - wir müssen uns dessen bewusst sein und es verhindern."

Libération (FR) / 15. November 2015

Intoleranz ist nicht im Sinne der Opfer

Nach den Anschlägen müssen wir die Kultur der Toleranz unbedingt verteidigen, fordert die linksliberale Tageszeitung Libération: "Die Attentäter wollten eine Lebensweise terrorisieren, die die Islamisten als dekadent betrachten - das heißt eine Kultur der Freiheit. Das Paradox dieser Mörder: Wie im Fall von Charlie Hebdo sollten tolerante Franzosen getroffen werden. Die Toleranz befindet sich genauso im Visier wie Frankreich. Es wäre daher ein Kardinalfehler, selbst intolerant zu werden. So wie es unverständlich wäre, wenn eine solche von der IS-Terrormiliz angezettelte Aggression ungestraft bleiben würde, so ist auch eine traditionelle Kriegsrhetorik als Reaktion auf die Realität des Konflikts unangemessen, denn dieser Krieg entspricht nicht den klassischen Definitionen. Der Abschottungsdiskurs, der immer lauter ertönt, wird den Opfern, die tagtäglich nach den Werten einer offenen Gesellschaft lebten, keine Gerechtigkeit widerfahren lassen."

Corriere della Sera (IT) / 16. November 2015

Rolle des Islam nicht unterschätzen

Terrorismus und Islam lassen sich nicht trennen, meint die liberal-konservative Tageszeitung Corriere della Sera: "Wir müssen der Wahrheit ins Gesicht schauen. Der Terror hat mit Religion zu tun und zwar nicht zu knapp. In erster Linie, weil die Terroristen glühende und religiös motivierte Islamisten sind, und auch aus einem anderen wichtigen Grund: Das, was dem gemäßigten Islam die Hände bindet und ihn daran hindert, sich Gehör zu verschaffen und die blutigen Taten zu kontrastieren, ist eben genau der eiserne Zwang der Religionsgemeinschaft. ... Eine Fessel, die zur Erpressung wird. Genau diese Fessel sorgt in der islamischen öffentlichen Meinung vielleicht nicht für ein heimliches Einverständnis, macht es ihr aber zumindest unmöglich, sich zu distanzieren und wirklich gegen den Terror Partei zu ergreifen. ... Doch wenn für die Existenz des Terrorismus die Existenz dieses breiten Backgrounds entscheidend ist, der dadurch gebildet und zementiert wird, dass die Religion eine so mächtige Rolle für die Identität spielt, ist es dann nicht vielleicht genau hier, wo der Westen ansetzen sollte?"

Yeni Şafak (TR) / 16. November 2015

Anti-IS-Strategie des Westens war falsch

Die westlichen Mächte sind selbst für das Erstarken der IS-Terrormiliz verantwortlich, meint die regierungsnahe, islamisch-konservative Tageszeitung Yeni Şafak: "Sie haben die Bedingungen geschaffen, die zur Geburt des IS führten, schauten zu, wie der IS sowohl im Irak als auch in Syrien sich zu einer enormen Macht entwickelte und behindern zugleich einen wirksamen Kampf. Die Türkei warnte davor, dass der IS mit Luftangriffen nicht zu stoppen ist, doch man hat nicht auf sie gehört. Wenn man ihnen sagt, dass der IS ohne einen Bodeneinsatz nicht einzudämmen ist, reagieren sie unwillig. Sie rufen keine Sicherheits- oder Flugverbotszone aus. Es reicht nicht bloß das Assad-Regime, sie verstricken auch noch den Iran und laden sogar Russland ein. Nach den Attentaten von Paris vergießen sie dann Krokodilstränen. ... Wenn im Irak der Staat nicht wieder aufgebaut und in Syrien ein starker, freier Staat ohne Assad gegründet wird, werden solche Attentate wie in Paris morgen in einer anderen Hauptstadt passieren."

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