Türkei auf Versöhnungskurs

Die türkische Führung geht zeitgleich auf zwei Staaten zu, mit denen das Land im Clinch lag. Eine Aussöhnungsvereinbarung mit Israel soll die sechsjährige diplomatische Eiszeit beenden, die nach dem Angriff auf die Gaza-Hilfsflotte 2010 begann. In einem Brief an Putin bedauerte Erdoğan außerdem den Abschuss eines russischen Kampfjets vor sieben Monaten. Welches Ziel verfolgt die Charmeoffensive?

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Al Ghad (JO) / 28. Juni 2016

Ankara lässt Bewohner Gazas im Stich

Die türkisch-israelische Vereinbarung könnte der Vorbote einer neuen Politik Ankaras in der Region sein, vermutet die jordanische Tageszeitung Al-Ghad:

„Die Zugeständnisse an die Bewohner von Gaza, wie der Bau eines Krankenhauses oder eines Elektrizitätswerks, können nicht über ihre tiefe Enttäuschung hinwegtäuschen. Sie werden das Leben der Bewohner dieses großen Gefängnisses ein wenig erleichtern, aber sie werden weiter von der Welt abgeschnitten bleiben - dieses Mal mit dem Einverständnis der Türkei. ... Diese dramatische Wendung in der türkischen Position könnte der Anfang für ähnliche Entwicklungen an anderen Fronten sein, wie etwa in Syrien. Das heißt nicht, dass Erdoğan nun das syrische Regime unterstützen wird, sondern dass er aufhören könnte, entgegen früheren Verlautbarungen, der syrischen Revolution bis zu ihrem Sieg beizustehen. Die Gründe liegen in der zunehmenden komplexen regionalen Lage und dem wachsenden innen- und außenpolitischen Druck.“

Delo (SI) / 30. Juni 2016

Gesunder türkischer Pragmatismus

In der überraschenden diplomatischen Offensive Ankaras meint Delo einen neuen außenpolitischen Pragmatismus zu erkennen:

„Israels Premier Benjamin Netanjahu hat bereits angekündigt, dass das Abkommen die Wirtschaft stärken wird. Dass Erdoğans Brief an Putin ähnliche Wirkung zeigen wird, hofft die türkische Wirtschaft, vor allem aber die Landwirte, das Bauwesen und die Tourismusbranche. ... Wie sich die türkische Regierung nun auf der internationalen Bühne verhält und jenen die Hand zum Frieden reicht, die sie gestern noch als Terroristen bezeichnete, zeigt einen gesunden und sinnvollen Pragmatismus. Leider hat die Tragödie auf dem Flughafen in Istanbul gezeigt, dass es im Land keinen Frieden geben wird, bis die Türken verstanden haben, dass auch eine solch pragmatische Innenpolitik dringend notwendig ist.“

Jutarnji list (HR) / 29. Juni 2016

Neue Achse glättet die Wogen

Die türkische Versöhnungspolitik könnte von globaler strategischer Bedeutung sein, mutmaßt Jutarnji list:

„Dass Ankara die Schlüsselrolle in der Region spielen wollte, sich dann aber mit allen stritt, hat sich nicht gerade als eine besonders durchdachte Strategie erwiesen. Die Türkei kann kein wichtiger Faktor in Syrien sein, wenn Israel und Russland wie zwei Klötze an ihren Beinen hängen. Erst hat Erdoğan die Sache mit Israel geklärt, die zur Zeit hervorragende Beziehungen zu Moskau haben, und nun hat er Reife gezeigt, Populismus mit Pragmatismus getauscht und Putin den Ball zugespielt. Die Achse Russland-Türkei-Israel könnte ein reales Gegengewicht zur EU ohne Großbritannien und den USA im Nahen Osten werden, aber auch darüber hinaus. Dabei ist Israel der demokratische Faktor mit einer starken Armee und immer besseren geheimen Beziehungen zur arabischen Welt. Es ist außerdem ein russischer Verbündeter. Mit der Türkei an seiner Seite könnte es so beruhigend auf die Konflikte wirken.“

T24 (TR) / 28. Juni 2016

Frieden zwischen Türkei und Israel unmöglich

Die Versöhnung zwischen der Türkei und Israel kommt zu einer Zeit, in der beide Staaten einander immer ähnlicher werden, beobachtet die liberale Internetzeitung T24:

„Unterstützt von Ultrarechten und Frommen wird Israel heute von einer ultrarechten und fundamentalistischen Koalition regiert. ... Um an der Macht zu bleiben entfernen Netanyahu und seine ultrarechten Koalitionspartner Israel Tag für Tag weiter von einer Demokratie, ähnlich wie Erdoğan. ... Aber da endet auch schon die Brüderlichkeit. Sechs Jahre nach dem Mavi-Marmara-Vorfall haben sich die Türkei und Israel die Hände gereicht und die Entscheidung getroffen, ihre Beziehungen zu normalisieren. Aber diese beiden Regime, von dem das eine islamistisch und das andere zionistisch ist, können keinen Frieden schließen. Wenn überhaupt, kann auf den kalten Krieg ein kalter Frieden folgen. Mehr als Bekundungen, dass man Frieden geschlossen habe, wird es nicht geben.“

Trouw (NL) / 29. Juni 2016

Erdoğans Charmeoffensive ist Warnung an die EU

Erdoğans Annäherung an Russland und Israel sollte der EU zu denken geben, warnt Trouw:

„Im Allgemeinen wird erwartet, dass das gut verstandene Eigeninteresse der Anlass für die Charmeoffensive ist. Die Türkei verfügt nicht über eigene Hilfsquellen und kann sich einen lang andauernden Streit mit allen Nachbarn wirtschaftlich nicht leisten. Eventuell spielen auch Sicherheitsgründe eine Rolle. ... Die Charmeoffensive ist aber auch eine Warnung an Europa. Schaut her, sagt Erdoğan, wir brauchen euch nicht unbedingt. Schon vor ein paar Wochen hat er in diesem Sinne Anspielungen gemacht: 'Wir lassen die Europäische Union allein mit ihren Problemen. Die Türkei geht ihren eigenen Weg.' Darauf wurde damals nur lakonisch reagiert. Aber das war vor dem Brexit.“

Der Tagesspiegel (DE) / 27. Juni 2016

Ruhestiftende Zweckgemeinschaft

Die Aussöhnung zwischen Israel und der Türkei ist gut für den Nahen Osten, glaubt der Tagesspiegel:

„Das Verhältnis beider Länder wird auf absehbare Zeit nicht mehr die Intensität der Vergangenheit erreichen. Die Phase, als türkische Kampfpiloten mit Kollegen aus Israel einträchtig Manöver flogen, ist passé. Heute geht es um eine Zweckgemeinschaft zweier Staaten, die in der Welt nur wenige Freunde haben. ... Mit vielen Staaten hat sich das Land am Bosporus durch sein oft unbedachtes und rücksichtsloses Vorgehen überworfen. Da können halbwegs normale Beziehungen zu Israel wahrlich nicht schaden. Von der wiederhergestellten Nähe kann jedoch auch der Judenstaat profitieren. Zum Beispiel, wenn die Türkei ihren Einfluss auf die Hamas geltend macht. Keine Anschläge und Ruhe in Gaza - das wäre für Israel ein echtes Zeichen der Aussöhnung.“

Yeni Şafak (TR) / 28. Juni 2016

Unausgereifter Kompromiss

Mit der Vereinbarung rückt die Türkei ab von ihrer Forderung nach einer Aufhebung der Blockade des Gaza-Streifens. İsmail Kılıçarslan hadert in der regierungstreuen Tageszeitung Yeni Şafak mit dem Kompromiss:

„Mit Israel ist eine Normalisierung nicht möglich, man kann es höchstens bekämpfen. ... Doch zehntausende Waisen und Flüchtlinge sowie tausende Kranke im Gaza-Streifen können mit diesem Abkommen immerhin ein bisschen Luft holen. ... Das Herz will natürlich, dass sowohl das Embargo als auch die Blockade [des Gaza-Streifens] aufgehoben werden. ... Doch dafür brauchen wir eine ganz andere Formel, eine ganz andere Islamische Welt. Jetzt können wir sehen, dass sowohl die Hamas und das Volk von Gaza mit diesem Abkommen zufrieden sind, während die israelische Öffentlichkeit und Presse weitgehend gegen das Abkommen sind. Alles drei sind aus meiner Sicht gute Anzeichen.“

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