Kräftemessen zwischen Ankara und Wien

Die Türkei hat am Dienstag ihren Botschafter aus Österreich abberufen. Entzündet hatte sich der Streit zwischen den beiden Ländern an einer kurdennahen Demonstration am Samstag in Wien, die von den Behörden genehmigt worden war. Die türkische Regierung überreagiert, meinen einige Kommentatoren. Für andere befinden sich Wien und Ankara in einem Stellvertreterkrieg.

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Die Presse (AT) / 24. August 2016

Neurotische Reaktionen aus Ankara

Ankara schießt mit seinen diplomatischen Drohungen nach einer PKK-nahen Demo in Wien weit über das Ziel hinaus, meint Die Presse:

„Es ist übertrieben, den türkischen Botschafter deshalb zu Konsultationen zurückzubeordern. Ins Neurotische gleitet es jedoch ab, wenn Außenminister Çavuşoğlu behauptet, dass nun 'die bisherigen Gründe für die Aufrechterhaltung' der Beziehungen mit Österreich 'entfallen' seien. Will der Mann ... wegen einer kurdischen Mini-Demo die Beziehungen zu Österreich abbrechen? Die Bundesregierung, die ihrerseits zuletzt kaum eine Gelegenheit ausließ, mit Türkei-Bashing innenpolitisch zu punkten, nimmt solche Äußerungen zu Recht nicht besonders ernst. Çavuşoğlu wird sich schon beruhigen. Professionell sind solche Überreaktionen aber nicht. Gerade in unruhigen Zeiten wie diesen wäre die Türkei gut beraten, an ihrer diplomatischen Finesse zu feilen - und ihre Prioritäten richtig zu setzen. Sie hat andere Probleme als Österreich.“

Der Standard (AT) / 24. August 2016

Wien spricht aus, was alle denken

Die Türkei und Österreich führen einen Stellvertreterkrieg, meint Der Standard zu den Unstimmigkeiten zwischen den beiden Staaten:

„Dem kleinen, scheinbar wenig einflussreichen EU-Mitgliedsstaat Österreich wird eine Lektion erteilt, die sich Ankara den großen Ländern Deutschland, Frankreich oder Italien nicht zu erteilen traut. ... Wien [führt] nun in diesen Wochen eine politische Auseinandersetzung um die Türkei an, die sich die anderen in der EU im Moment nicht leisten wollen. Christian Kern, der Kanzler, ist ja wohl nicht der einzige Regierungspolitiker in der Union, der glaubt, der nun im zwölften Jahr stehende Beitrittsprozess der Türkei sei eine Illusion. Sebastian Kurz, der Außenminister, ist wohl nicht der Einzige im Kreis der Chefdiplomaten der EU, der Ankaras Stil als anmaßend empfindet und die Kluft zwischen Demokratie alla turca und EU-Standard als enorm.“

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