Wie gefährlich sind Fake-News?

Ein Mitglied aus dem Übergangsteam des designierten US-Präsidenten Trump ist wegen Falschmeldungen auf Twitter gefeuert worden. Dem Onlineportal Buzzfeed zufolge verbreiteten sich vor der US-Wahl Fake-News auf Facebook stärker als seriöse Medienberichte. Kommentatoren diskutieren die Ursprünge des "postfaktischen" Zeitalters.

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Le Point (FR) / 12. Dezember 2016

Postfaktische Welt ist Schuld der Linksliberalen

Das Oxford Dictionary hat "post-truth" zum Wort des Jahres gewählt. Es wird zu Unrecht mit Trump und den Populisten in Verbindung gebracht, meint der britische Journalistik-Professor Andrew Calcutt in Le Point:

„Die 'Post-Wahrheit' wurde nicht von jenen erfunden, die die Medien als ungebildet bezeichnen und auch nicht von ihren neuen Helden. ... Im Gegenteil. Der Werte-Umschwung, der am Ende die Objektivität angegriffen hat, wurde von den Akademikern in die Welt gesetzt, mit großer Unterstützung aus der arbeitenden Mittelschicht. Dieses Milieu, das sich zum Liberalismus bekennt und eine große Liebe für das linke politische Lager hegt, wollte sich von der vom Staat verkündeten Wahrheit befreien. Um sie zu ersetzen, haben sie eine neue Form der Ignoranz erfunden, die 'Post-Wahrheit'. Vor mehr als 30 Jahren haben die Akademiker damit begonnen, die 'Wahrheit' als 'große Erzählung' zu diskreditieren, die intelligente Leute nicht mehr glauben konnten. ... Die Ironie des Schicksals will es, dass einige von denen, die dieser Idee nahestehen, die ersten Opfer ihrer Umsetzung waren.“

BNS (LT) / 08. Dezember 2016

Überzogene Kritik an Russland auch Propaganda

Der Einfluss Russlands auf die Verbreitung von Fake News wird oft überbewertet, kritisiert der in den USA aufgewachsene litauische Politologe Kęstutis Girnius für die Nachrichtenagentur BNS:

„Viele Osteuropäer glauben den Verschwörungstheorien und sehen einen Kommunisten oder Russen unter jedem Bett und hinter jedem Busch. Heute gibt es auch im Westen immer mehr enthusiastische Anhänger von Verschwörungstheorien, die in den Desinformations-Spezialisten aus Russland die gleiche mythische Kraft sehen, wie sie früher dem Geheimdienst KGB und der sowjetischen Diplomatie zugeschrieben wurden. … Russland nutzt Propaganda wie der Westen auch. Doch Einfluss und Effizienz der russischen Propaganda werden oft überschätzt. Russland wird böser und gefährlicher dargestellt als es tatsächlich ist, schnell werden Vorwürfe erhoben. Die ungerechten Vorwürfe sind aber ebenfalls eine Art Propaganda. Von russischen Medien fordern wir Standards, die wir selbst nicht einhalten.“

Le Soir (BE) / 08. Dezember 2016

Zensur ist der falsche Ansatz

Wie man der Verbreitung von Fake-News über soziale Medien Einhalt gebieten kann, erläutert Le Soir:

„Jedes Mal, wenn ein Politiker, ein Medium oder eine Partei die Wahrheit zurechtbiegt oder verfälscht, wird dadurch ein Prozess mentaler Zerstörung vorangetrieben. Dieser mag einen (vorübergehenden) Nutzen haben, doch verwandelt er die Gesellschaft Stück für Stück in einen Dialog der Gehörlosen. … Die sogenannten 'sozialen' Netzwerke verstärken die Verbreitung von wahren und falschen Informationen ins Unendliche. Zensur wäre die falsche Reaktion. Stattdessen geht es um die Entlarvung dieser Lügen, die unser Gehirn abstumpfen lassen. ... Die Lösung? Bildung. Dialog. Respekt. Andernfalls werden aus der sich ausbreitenden moralischen Wüste und den darin wuchernden Ängsten garantiert neue Monster entstehen, die wir dann ebenfalls bekämpfen müssen. Und dieser Kampf ist noch lange nicht gewonnen.“

NRC Handelsblad (NL) / 08. Dezember 2016

Kultur und Demokratie vor dem Untergang

Falsche Fakten gefährden unsere Demokratie, klagt Kolumnist Tom-Jan Meeus in NRC Handelsblad:

„Seit Jahrzehnten hören wir immer dieselben Sorgen: Die Immigration bedroht unsere Kultur. Der Islam bedroht unsere Kultur. Der Multikulturalismus bedroht unsere Kultur. Die europäische Zusammenarbeit bedroht unsere Kultur. Was wir daraus lernen ist, dass die sinkende Bedeutung von Fakten und Tatsachen offenbar keine Bedrohung unserer Kultur ist. Ich würde allerdings sagen, dass eine Kultur, die nur noch Streit und Polarisierung kennt, auch zum Problem werden kann. ... Eine Kultur, wie überlegen sie auch sein mag, geht verloren, wenn Fakten nichts mehr zählen. Ohne die Bekämpfung von gefälschten Nachrichten und ohne die Aufwertung von Fakten wird unsere Kultur und Demokratie am Ende untergehen.“

Deutsche Welle (BG) / 07. Dezember 2016

Falschmeldungen sind kaum zu bekämpfen

Gegen die Verbreitung von Falschmeldungen im Internet kann man kaum etwas tun, fürchtet der bulgarische Dienst der Deutschen Welle:

„Es ist die Rede von irgendwelchen Filtern, die die Meldungen verifizieren sollen, von Programmen, die uns sofort sagen können, was wahr ist und was nicht. Doch während die einen Schutzmechanismen errichten, arbeiten andere daran, sie zu durchbrechen. … Eine andere Möglichkeit wäre eine Art Berufsschutz: Journalisten, die Falschmeldungen verbreiten, würden ihre Zulassung verlieren. Auch das wäre utopisch, denn wie will man heutzutage noch bestimmen wer Journalist ist und wer Bürger? Vielleicht können die Gesetzgeber, die EU und Branchenorganisationen Faktencheck-Ämter gründen, wo sich Leser über den Wahrheitsgehalt von Meldungen informieren können? Leider sind echte Fakten langweilig. Unsinnige Meldungen wie 'Michelle Obama ist ein Mann' haben dagegen einen hohen Unterhaltungswert. Die Wahrheit existiert immer irgendwo da draußen, doch wir sind zu faul, sie zu suchen.“

El Periódico de Catalunya (ES) / 22. November 2016

Giftmüll im Netz

Schockiert über das Ausmaß der Verbreitung von Falschmeldungen im US-Wahlkampf zeigt sich El Periódico de Catalunya:

„Nach all dem Müll, der während des US-Wahlkampfs ins Netz gekippt wurde, wollen Google und Facebook jetzt die Lügen verbannen. Es ist klar, dass das nicht leicht werden wird. ... Mark Zuckerberg hat schon mal gewarnt: 'Es fällt uns schwer, die Wahrheit zu erkennen.' Und nicht nur das. Wir leben im postfaktischen Zeitalter: Erst vergiftet man uns und anschließend macht sich, wenn wir Glück haben, jemand die Mühe, die Spreu vom Weizen zu trennen. Dann kommt die Nachricht vielleicht nuancierter bei der Masse an, die vorher die Verleumdung geschluckt hat. Wer vergiftet, will nicht beim Internetkonsum ein bisschen was dazuverdienen. Man vergiftet, weil man eine viel größere Beute wittert. Wir erleben hier eine Krise der Presse und orchestrierte Dreckskampagnen, um ein paar Wenige in den Ruin zu treiben. Was bei den US-Wahlen im Netz passiert ist, das macht unsere Bosheiten [in Europa] zu Kinderkram.“

Libération (FR) / 21. November 2016

Sündenbock gefunden

Die neuen Medien und insbesondere Facebook werden zu Unrecht für Trumps Wahlsieg verantwortlich gemacht, findet Libération:

„Interessanterweise war die junge und die urbane Bevölkerung weniger anfällig für Trump. Doch gerade diese sozialen Gruppen sind am offensten für die neuen Formen von Journalismus, die aus dem Ökosystem der sozialen Netzwerke stammen und sich weniger an der institutionellen Politik orientieren, so wie das in Frankreich so stark kritisierte Buzzfeed. Die wahren Gründe für den Sieg des Oberlügners sind Verzweiflung, Angst vor den Anderen und vor einer düsteren Zukunft, die Unfähigkeit der politischen Verantwortungsträger, glaubhafte Alternativen anzubieten, und die Tatsache, dass die traditionelle Presse es oft nicht schafft, verunsicherte Leser anzusprechen. Wer anderswo nach einem Verantwortlichen für Trumps Erfolg sucht, weiß auch, dass man leichter Sündenböcke findet als eine Antwort auf die wirklichen Probleme.“

The Guardian (GB) / 20. November 2016

Fake-News sind gut fürs Geschäft

Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat angekündigt, auf Facebook verbreitete Nachrichten künftig auf deren Wahrheitsgehalt überprüfen zu lassen. Das nimmt ihm der Guardian nicht ab:

„Zuckerbergs Problem ist, dass er gar kein Interesse daran hat, Fakten zu überprüfen. Damit würde er nämlich anerkennen, dass Facebook ein Verleger und nicht nur ein Technologieunternehmen ist. Das wiederum würde bedeuten, dass Facebook eine gewisse redaktionelle Verantwortung hat. Zuckerberg unterschlägt außerdem die Tatsache, dass Facebook hier einen Interessenkonflikt hat. Es bestreitet seinen äußerst stattlichen Lebensunterhalt, indem es die Datenspuren seiner Nutzer beobachtet und damit Geld verdient. Je öfter etwas im Internet geteilt wird, umso lukrativer ist es für Facebook. ... Anders gesagt: Wenn man ein soziales Netzwerk im Internet betreibt, sind Fake-News gut fürs Geschäft - auch wenn sie schlecht für die Demokratie sind.“

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