Lettland: Raketen und Sekt um elf Uhr Ortszeit

In Lettland feiern immer mehr Bürger nach Moskauer Zeit Silvester, verfolgen die Ansprache Putins im Fernsehen, stoßen bereits um elf Uhr Ortszeit an und zünden Raketen. Dies sorgt bei vielen für Irritationen - insbesondere, wenn solche Partys dann auch noch, wie dieses Mal, in der Nationalbibliothek in Riga stattfinden. Wo das Phänomen des verfrühten Silvesters herrührt, erklären Lettlands Kommentatoren.

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Diena (LV) / 30. Dezember 2016

Emotionale Bande nach Moskau endlich kappen

Eine strenge Mahnung, endlich den Einfluss des russischen Fernsehens in Lettland zu begrenzen, kommt von der Tageszeitung Diena:

„Dass viele bei uns nach Moskauer Zeit, wenn im Fernsehen die Kremlglocken geläutet haben, ihre Raketen in die Luft schießen, ist schon normal. Auch wenn sich viele lettische Staatsbürger darüber aufregen, weil das die sowjetische Okkupation symbolisiert. Diese emotionalen Bande mit dem Nachbarland wären in einem Teil der Bevölkerung schon längst verflogen, wenn sie nicht mit Hilfe von russischen TV-Sendern künstlich aufrechterhalten würden. Und Lettland unternimmt nichts dagegen. Denn für die meisten Russen in Lettland verläuft der Alltag im Informationsraum des russischen Fernsehens. … Unsere Politiker sollten endlich jahrelange Diskussionen über noch einen russischen TV-Sender beenden und lieber die nationalen Interessen im Informationsraum streng definieren.“

Neatkarīgā (LV) / 29. Dezember 2016

Kremlglocken sind gut fürs Geschäft

Alles andere als verwundert über Veranstaltungen wie die in der Nationalbibliothek zeigt sich Neatkarīga:

„Silvesterparty à la Russland ist für Lettland nichts Neues. Nachfrage und Angebot heißt ein Grundgesetz des Handels. Das ist nichts Ungewöhnliches. Das Publikum verlangt Kremlglocken? Bitteschön, Kremlglocken für Sie! Wenn das Publikum die Veranstaltung auf Russisch verlangt, dann bekommt es das auch. Das ist alles gut zu verstehen: Die Menschen, die den Siegestag am 9. Mai begehen, wollen auch das neue Jahr zusammen mit Putin feiern. Auch wenn das in der Nationalbibliothek stattfindet. Für die Miete wird doch gut gezahlt und der Moderator des Abends bekommt ein gutes Honorar. Das Geld stinkt doch nicht nach Kreml. Ein paar Stunden Blamage, aber dafür gutes Essen und Getränke und das Geld in der Tasche!“

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