USA und Türkei frieren Visavergabe ein

USA und Türkei stellen vorerst keine Visa mehr für die Bürger des jeweils anderen Staats aus. Die US-Botschaft in Ankara beschloss die Maßnahme am Wochenende als Reaktion auf die Verhaftung eines Mitarbeiters des US-Konsulats in Istanbul, dem Kontakte zur Gülen-Gemeinde vorgeworfen werden und Ankara reagierte mit der Gegenmaßnahme. Türkische Kommentatoren beschäftigen sich mit den Folgen.

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T24 (TR) / 12. Oktober 2017

Erdoğan führt sein Land in die Sackgasse

Wieder schadet Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan dem Land, indem er sich mit Verbündeten verkracht, ärgert sich T24:

„Die Streitigkeiten mit der EU, den USA und Merkels Deutschland kosten die Türkei die politische und wirtschaftliche Stabilität. Schon jetzt sind die negativen Auswirkungen auf Wirtschaft und Märkte zu spüren. Die diesbezüglich sehr besorgte Geschäftswelt hält ihren Mund, weil sie sich vor Erdoğan fürchtet. Durch Zwist mit USA, EU und Deutschland verringert sich der türkische Handlungsspielraum. Eine Türkei, die so mit dem Westen bricht, verliert auch im Osten an Gewicht. Der Weg, den man mit Russland und dem Iran allein gehen kann, ist begrenzt. Denn Moskau und Teheran liegt nichts an einer stabilen Türkei in der Region. Beide bevorzugen es, die Türkei bis zu einem bestimmten Punkt zu benutzen und dann fallenzulassen.“

Milliyet (TR) / 12. Oktober 2017

Türken lassen sich nicht unterkriegen

Die inakzeptablen Visa-Sanktionen der USA gegen die Türkei muss man im Zusammenhang mit anderen regionalen Entwicklungen betrachten, betont Milliyet:

„Vom Unabhängigkeitsabenteuer der Führung der irakischen Kurdenregion bis zum Versuch, im Norden Syriens einen Korridor zu errichten, um dort einen unabhängigen kurdischen Staat auszurufen, auch die binnenwirtschaftlichen Schwierigkeiten und die Wertschwankungen der türkischen Lira hängen zusammen mit der Visa-Entscheidung der USA. Das daraus resultierende Bild scheint einen entscheidenden Einfluss auf die langfristigen politischen Präferenzen der Türkei auszuüben. Die Türken fürchten sich in solchen Situationen nicht, ganz im Gegenteil, sie vereinigen sich. Der [Putschversuch vom] 15. Juli ist dafür der beste Beweis.“

Hürriyet (TR) / 10. Oktober 2017

Gülen entfacht Krise neuen Ausmaßes

Die Ursache des Visastreits liegt darin, dass sich die USA weigern, den in Pennsylvania lebenden islamischen Prediger Gülen auszuliefern, erklärt Hürriyet:

„Zweifellos sind Fethullah Gülen und seine Anhänger zufrieden über die jetzige Situation. Die Beziehungen zwischen der Türkei und den USA erleben eine der größten Krisen ihrer Geschichte aufgrund einer Frage in Verbindung mit der Gülen-Akte. Die Pennsylvania-Hypothek belastet die Beziehungen schwer. ... Die USA haben lange nicht begriffen, in welche Schwierigkeiten sie die Beziehungen bringen, wenn sie den Führer der Fetö/PYD-Organisation und Verantwortlichen des Putschversuches vom 15. Juli beherbergen, und auf Ankaras Sorgen mit enormer Gleichgültigkeit reagieren.“

Financial Times (GB) / 10. Oktober 2017

Streit schnell beilegen

Trotz aller Differenzen sollten die beiden Staaten nicht ihre Partnerschaft riskieren, mahnt Financial Times:

„Die Türkei bleibt für die USA ein strategisch wichtiger Verbündeter im Kampf gegen den Terrorismus - auch wenn ein militärisches Vorgehen gegen die IS-Milizen für Ankara derzeit keine Priorität darstellt. Die USA werden das nicht aufs Spiel setzen wollen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat es verstärkt für notwendig befunden, in regionalen Fragen mit Russland und dem Iran zusammenzuarbeiten. Doch es kann nicht in seinem Sinne sein, von diesen Allianzen abhängig zu sein. Die Entwicklung der Türkei wurde stets stark von den engen Beziehungen des Landes zum Westen bestimmt. ... Die Einschränkungen bei der Visa-Vergabe werden schmerzen - und deshalb ist es im Interesse aller, schnell eine Lösung zu finden.“

Berlingske (DK) / 10. Oktober 2017

Wie wichtig ist die Nato für die Türkei?

Die Türkei wendet sich immer weiter von der Nato ab, fürchtet Berlingske:

„Die Lage der Türkei zwischen Russland und dem Nahen Osten ist für die Nato weiterhin strategisch wichtig. Doch Erdoğan verfolgt einen derartigen Schlingerkurs, dass die wichtigsten Partner der Allianz sich sorgen, wohin der Weg der Türkei führen wird. ... Immer wieder kommt es zu Konflikten mit den westlichen Ländern und die Bewegung der Türkei in Richtung eines islamisch gesteuerten Landes lässt die Demokratien in der Nato sich fragen, was das Ziel der Türkei ist: Eine neue Supermacht im Nahen Osten zu werden, mit Zustimmung Russlands und ohne die Nato? Oder weiterhin ein loyaler Partner der Allianz zu sein? Letzteres, so fürchten einige Nato-Mitglieder, ist schon ein geschlossenes Kapitel.“

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