Russland eröffnet Krim-Brücke

Eine 19 Kilometer lange Brücke verbindet künftig das russische Festland mit der Krim. Nun kann die vor vier Jahren annektierte Halbinsel von Russland aus mit dem Auto erreicht werden. USA und EU kritisieren das Großprojekt, da sie die Krim weiter als Teil der Ukraine sehen. Für Russland ist die Brücke in mehrfacher Hinsicht ein genialer Schachzug, meinen Kommentatoren.

Alle Zitate öffnen/schließen
Den (UA) / 18. Mai 2018

So geht Geopolitik

Mit der Brücke führt Putin die Ukraine vor, meint der Kolumnist Andrij Plachonin in Den:

„Allein die Krim-Brücke zeigt uns, dass Russland nicht so schwach ist, wie es scheint, dass es nicht zerfällt, wenn es mit Sanktionen bestraft wird oder der Erdölpreis und Rubelkurs schwanken. Dass in diesem Krieg nicht nur der siegt, der besser kämpft, sondern auch der, der baut. Übrigens ist Letzteres unter anderem der Grund, warum wir die Krim verloren haben. Die Ukraine schaffte es in 25 Jahren nicht, eine normale Straße auf die Krim zu bauen. Putin reichten vier Jahre. Es sieht so aus, als ob sich die Krim für ihn als nötiger erwies. Ein Land zu verbinden mit Brücken und Straßen - das ist angewandte Geopolitik. Schon allein darum müssen sie gebaut werden, auch wenn sie aus ökonomischer Sicht nicht überall notwendig sind.“

Echo Moskwy (RU) / 16. Mai 2018

Da haben sich die ukrainischen Experten getäuscht

Russlands neue Krim-Brücke ist für die Halbinsel eine großartige Errungenschaft, meint der auf der Krim lebende Blogger Alexander Gorny in Echo Moskwy:

„Die Krim und das Gebiet Krasnodar wurden faktisch zu einer Wirtschaftsregion vereint. Der Synergie-Effekt mit der in einem Jahr anstehenden Inbetriebnahme der Bahnbrücke und der [die Krim querenden] Tawrida-Autobahn ist noch schwer einzuschätzen, doch er wird wohl enorm sein. Bei all meiner Kritik an der Staatsmacht, man muss auch mal Pluszeichen setzen dürfen. Die Eröffnung der Brücke ist ein dickes Plus. ... Russland hat es geschafft, ein Projekt zu realisieren, von dem viele vor einigen Jahren noch nicht einmal zu träumen wagten. Im Netz finden sich hunderte Videos, in denen ukrainische Politiker und Experten behaupten, dass die Brücke nicht gebaut wird und dass die Bilder davon russische Propaganda seien.“

Kapital (BG) / 16. Mai 2018

Bauwerk soll Tatkraft Moskaus beweisen

Die Krim-Brücke soll die Entschlossenheit Moskaus demonstrieren, sein neues Territorium zu erschließen, meint Kapital:

„Die Annexion der Krim und die zu erwartende Blockade der 2,3 Millionen Krim-Bewohner [durch die Ukraine] haben Moskau in Zugzwang versetzt. ... Für den Kreml ging es in erster Linie darum, zu zeigen, dass man in der Lage ist, einen schnellen Zugang zum neuen Territorium zu sichern. Der Bedarf einer Bahnverbindung wurde dabei völlig überschätzt. Braucht die Krim wirklich so viele Züge und werden sie jemals rentabel sein? Die Tourismus-Saison auf der Halbinsel dauert etwa vier Monate, doch wer fährt schon mit dem Fernzug in den Urlaub? Bei der Krim-Brücke ging es dem russischen Staat vor allem darum zu demonstrieren, dass der Staat alles tun wird, etwas in die Tat umzusetzen, das er sich in den Kopf gesetzt hat.“

Savon Sanomat (FI) / 17. Mai 2018

Ölpreis stärkt Russlands Selbstvertrauen

Die Brücke zeigt, dass sich Russland von den Sanktionen des Westens gänzlich unbeeindruckt zeigt, beobachtet Savon Sanomat:

„Die USA, die EU und die Ukraine können im Prinzip niemals die Annexion der Krim und Russlands Beteiligung am Krieg in der Ostukraine akzeptieren. Daran kann ebenso wenig die Brücke etwas ändern, auch wenn sie die Annexion im Prinzip endgültig macht. Die Annexion ist für die derzeitige russische Regierung innenpolitisch von so großer Bedeutung, dass die internationalen Beziehungen daneben zweitrangig sind. Die Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine haben sich zu einem eingefrorenen Konflikt entwickelt. Die Wirtschaftssanktionen scheinen nicht zu helfen, was sich teilweise mit dem Anstieg des Rohölpreises um mehr als 70 Prozent innerhalb eines Jahres erklären lässt. Dank des Öls kann Russland seine Illusion aufrechterhalten, eine Großmacht zu sein.“

Unian (UA) / 14. Mai 2018

Geld für Prestigeprojekte ist immer da

228,3 Milliarden Rubel (damals 2,9 Milliarden Euro) hatte Moskau 2016 für das Großprojekt bereitgestellt. Das Geld hätte man auch besser investieren können, meint der Russland-Korrespondent von Unian Roman Zymbaljuk:

„Unwichtig, wie lange diese Konstruktion stehen wird, doch Fakt bleibt Fakt: Vorher gab es keine Brücke, jetzt gibt es sie. Und an diesem Ereignis werden sich die russischen 'PR-Götter' abarbeiten. ... Wieviel Geld die Brücke zur besetzten Krim kostete, hat ebenfalls keine Bedeutung. Natürlich kann man für dieses Geld alle russischen Kinder ärztlich behandeln, doch das ist unwichtig, steht doch die Größe der Russischen Föderation auf dem Spiel. Geld für den 'Bau des Jahrhunderts' findet sich in Russland immer, doch wenn irgendwo irgendjemandem etwas fehlt, dann sind das dessen eigene Probleme. Seine Unzufriedenheit kann er ja jederzeit mit Fernsehschauen kompensieren.“

gazeta.ru (RU) / 15. Mai 2018

Grandioses Bauwerk im Dienste der Geopolitik

Geld spielt bei diesem Bauprojekt nun wirklich nicht die Hauptrolle, befindet hingegen gazeta.ru:

„Die 19 Kilometer lange Querung [der Straße von Kertsch] ist die längste Brücke Russlands wie auch Europas. Sie ist ein kompliziertes Bauwerk und hat gezeigt, dass heimischer Ingenieursgeist nach wie vor die Welt in Staunen versetzen kann. Denn es gab mehr als genug skeptische Einschätzungen, wonach dieses Projekt unrealisierbar sei, weil der Boden in dieser Gegend besonders instabil sei. ... Die Krimbrücke gehört zu jenen Projekten, bei denen die Kosten zwar wichtig sind, doch die Antwort auf geopolitische Herausforderungen noch wichtiger ist. Die Krim würde ohne verlässliche Verbindung mit dem restlichen Russland nie vollständig angeschlossen sein.“

Weitere aktuelle Debatten

Neue Zürcher Zeitung (CH)
Süddeutsche Zeitung (DE)
La Repubblica (IT)
The Economist (GB)
Frankfurter Rundschau (DE)
Le Parisien (FR)
Tages-Anzeiger (CH)
Observador (PT)
Magyar Demokrata (HU)
De Tijd (BE)
Neue Zürcher Zeitung (CH)
Handelsblatt (DE)