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Archiv / Dossier

Top-Thema vom Freitag, 30. November 2007


Tests für Europas Schüler

Zwei neue Studien haben die europäische Debatte über Bildungsstandards in den Schulen neu entfacht: die internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu bzw. Pirls) und die neue Pisa-Studie der OECD. Wie gut fördern die nationalen Bildungssysteme ihre Schüler?


Postimees - Estland

Estland ist bei der Pisa-Studie im Bereich Naturwissenschaften auf Platz fünf gelandet, knapp vor Japan und deutlich vor den baltischen Nachbarn. Die Zeitung ist zufrieden: "Wenn man dieser Studie und ihrer Methodik Glauben schenkt, dann überflügelt das Niveau des estnischen Schulsystems alle westeuropäischen Länder, mit Ausnahme des souveränen Anführers Finnland natürlich. Aber sind die estnischen Schüler wirklich so viel flinker und besser in der Analyse als ihre europäischen Altersgenossen? Unser Schulsystem hat in jedem Fall eine gute Note verdient, und auch Bildungsminister Tõnis Lukas weist darauf hin, dass sich unsere Lehrpläne laut Pisa nicht verstecken müssen. Sie haben internationales Niveau erreicht." (30.11.2007)


Der Standard - Österreich

Michael Völker findet es bedenklich, dass Österreich bei der Pisa-Studie und bei dem internationalen Test der Lesefähigkeit von Grundschülern wieder nur im Mittelmaß liegt: "Hurra, wir sind nicht sitzengeblieben!...Mit einem Befriedigend kann man zufrieden sein. Oder auch nicht. Den Anspruch, zu den guten Schülern oder gar zu den Vorzugsschülern zu gehören, wie das die Finnen sind, haben wir längst aufgegeben. Das Motto: Nur nicht sitzenbleiben. Wir üben uns im Mittelmaß... Österreich muss sich an Finnland orientieren, wir sollten dem Klassenbesten nacheifern. Und ja, wenn man Finnland als Beispiel hernimmt, dann kommt man nicht daran vorbei, dass die Gesamtschule ein Thema ist." (30.11.2007)


La Voix du Luxembourg - Luxemburg

Laurent Moyse sieht das Schulsystem Luxemburgs trotz der guten Ergebnisse beim Grundschul-Lese-Test kritisch: "Es bringt eine nicht zu vernachlässigende Zahl an Schülern hervor, die Lesen scheußlich finden und für die Textinterpretation eine qualvolle Übung ist... Das Bildungssystem muss bei der Wissensvermittlung das richtige Maß finden und auf die Schwierigkeiten, die aus seiner heterogenen Schülerschaft resultieren, eingehen. Klar ist, dass das Schulsystem seit vielen Jahren angeschlagen ist. Den Grund dafür muss man teilweise auch in unserer Gesellschaft suchen, die unter dem gleichen Übel leidet und sich vor der Verantwortung drückt. Mit dem Resultat, dass Luxemburg, was die Motivation der Schüler zum Lesen betrifft, Schlusslicht ist." (30.11.2007)


The Times - Großbritannien

England ist bei der Pirls-Studie vom dritten auf den 15. Platz abgerutscht. Bildungsminister Ed Balls machte die Playstation für das schlechte Abschneiden britischer Schüler verantwortlich. Martin Samuel findet das albern: "Es ist doch reichlich seltsam, dass der Bildungsminister meint, der gute alte Computer sei Schuld daran, dass unsere Kinder bei der Lesefähigkeit selbst Lettland und den USA hinterher hinken. Was ist denn aus dem Vorsatz 'Bildung, Bildung, Bildung' geworden?... Die Zukunftsaussichten sind düster. Selbst ein Land wie Bulgarien, wo kürzlich ein Mensch von einem Rudel streunender Hunde in Stücke gerissen wurde, hat beim Vermitteln von Schreib- und Lesefähigkeit mehr Erfolg als England. Und sogar Amerika - ein Land, in dem viele Kinder täglich mindestens zwei Schulstunden damit verbringen, sich vor einsamen Schützen, die von nihilistischen Websites, Musik von Verkleidungskünstlern und Charlton Heston inspiriert sind, unter den Tischen zu verstecken - schneidet besser ab als wir... Aber Balls hält es für angebracht, das Grundproblem in der Freizeit zu suchen und nicht in der Schulzeit." (30.11.2007)


Die Zeit - Deutschland

Erst mit Pisa ist Bildungspolitik international geworden, schreiben die Politikwissenschaftler Kerstin Martens und Stephan Leibfried. "Mit Pisa hatte die internationale Organisation [OECD] ein Instrumentarium entwickelt, mit dem nationale Bildungssysteme verglichen werden konnten... Selbst wenn ein Land das wollte, könnte es sich der internationalen Konkurrenz – und damit Pisa – nicht mehr entziehen... Die Zeit der nationalstaatlich verfassten Politik geht zu Ende, wer wüsste das besser als die vielfach verflochtenen EU-Mitgliedstaaten. Die Internationalisierung ist unausweichlich – und zudem eine Chance. Auch das lehrt Pisa. Denn erst der OECD ist es gelungen, mit Pisa eine längst überfällige Debatte zu Bildungs-, Integrations- und Familienpolitik auszulösen, die bei uns [in Deutschland] bis dahin schlicht undenkbar war... Selbst unsere 'heilige Kuh', das dreigliedrige Schulsystem, wird nun diskutiert und ist in einigen Bundesländern bereits reformiert. Egal, wie schrill die Debatte in den kommenden Wochen wieder geführt wird: Pisa ist kein Fluch, sondern ein Segen." (30.11.2007)


» zur gesamten Presseschau vom Freitag, 30. November 2007

 

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