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Archiv / Dossier

Top-Thema vom Mittwoch, 13. Februar 2008


Deutschland streitet über Integration und Assimilation

Eine Rede, die der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in Köln gehalten hat, sorgt für eine Diskussion über die deutsche Integrationspolitik. Erdogan hatte Assimilierung als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" bezeichnet. Worum geht es Erdogan, worum geht es in dieser Debatte?


Neue Zürcher Zeitung - Schweiz

"Erdogans Besuch und die Reaktionen auf die Brandkatastrophe in Ludwigshafen haben noch einmal in Erinnerung gerufen, dass nur ein Teil der türkischen Minderheit die neue deutsche Begeisterung für Integration teilt", meint Eric Gujer. "Zugleich belegt die neu aufgeflammte Integrationsdebatte, wie heterogen inzwischen die türkische Gemeinde in Deutschland ist. So meldeten sich diverse Vertreter türkischer Verbände zu Wort, die eloquent ihren Standpunkt vertraten und meist für eine weitgehende Integration plädierten. Vor 15 Jahren gab es nur wenige vergleichbare Repräsentanten - und die meisten sahen sich als Sachwalter staatlich türkischer Interessen. Unterdessen existiert eine breite Szene mit öffentlich wirksamen Personen, wozu auch Schriftsteller und Intellektuelle zählen. Diese vertreten gemäßigt islamistische Thesen bis hin zu radikal-säkularen Positionen und finden in der Mehrheitsgesellschaft Gehör. Vor zehn Jahren gab es noch keine vernehmbaren deutsch-türkischen Stimmen, die in der Lage gewesen wären, in intellektuellen Debatten ein Echo auszulösen." (13.02.2008)


Süddeutsche Zeitung - Deutschland

Das Wort 'Assimilation' in Recep Tayyip Erdogans Rede sei vielleicht falsch verwendet, meint Thomas Steinfeld, spräche aber das Problem misslungener Integration an: "Eigentlich sind 'Assimilation' und 'Integration' leicht zu definieren: 'Integration' ist die Zusammenführung des Verschiedenen, das dabei als Verschiedenes kenntlich bleibt. 'Assimilation' hingegen ist die Integration der Entwurzelten - ihre Homogenisierung. Doch diese fordert hierzulande niemand, wodurch die ganze Debatte etwas Spukhaftes annimmt... So ist es durchaus wahrscheinlich, dass Erdogan wider die 'Assimilation' redete, weil er diesen in Deutschland lebenden Teil seines Staatsvolkes nicht aufgeben will. Und so ist es wahrlich nicht ausgeschlossen, dass ihn seine Sorge um diese Diaspora von anderen Konflikten entlastet: vor allem von dem Widerspruch, dass die Türkei von den Kurden im eigenen Land genau die Assimilation fordert, die sie in Deutschland nicht ertragen will." (13.02.2008)


Trouw - Niederlande

Die Äußerungen Erdogans zeichnen das Bild einer Gemeinschaft von Immigranten, die sich nicht integrieren will, meint die Zeitung. "Es gibt kein Land in Westeuropa, das seine Minderheiten vollständig assimilieren will. Der Erhalt kultureller und/oder religiöser Identität ist ein Schlüsselwert für die europäische Demokratie. Unsere Gesellschaften haben nicht das Ziel, das Individuum in einer homogenen Gesellschaft unsichtbar zu machen. Länder, die Minderheitsrechte verletzen - wie zum Beispiel die Türkei in Bezug auf die Kurden - , müssen sich eben das von Europa vorwerfen lassen... Die Integration von Migranten, vor allem von muslimischen, ist in Westeuropa derzeit ein außerordentlich sensibles Thema und wird teilweise sehr kontrovers diskutiert... Angesichts dessen hätte Erdogan als türkischer Regierungschef besser daran getan, nicht den deutschen Türken nicht allzu deutlich den Weg in ihrem derzeitigen Aufenthaltsland zu weisen." (13.02.2008)


Népszabadság - Ungarn

Deutschlandkorrespondent András Dési kommentiert die Rede des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan in Köln: "Es mag bizarr klingen, aber Erdogan hat den deutschen Politikern einen Gefallen getan. Der türkische Regierungschef ist sich darüber im Klaren, dass die deutschen Konservativen die EU-Mitgliedschaft der Türkei ablehnen. Die Botschaft der Kölner Show ist, dass man der wirtschaftlich bereits seit langem in die EU integrierten Türkei mit politischen Ein- (und Vor-)wänden zwar den Weg versperren kann - mit den mehr als 5,3 Millionen (nach manchen Rechnungen sogar 15 Millionen) Türken in den EU-Ländern jedoch zu rechnen ist. Der Döner bleibt Bestandteil des deutschen und westeuropäischen Alltags. Auch wenn er für viele noch schwer verdaulich ist." (13.02.2008)


» zur gesamten Presseschau vom Mittwoch, 13. Februar 2008

 

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