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Archiv / Dossier

Top-Thema vom Donnerstag, 17. April 2008


Drohen weltweit Hungerkrisen?

Der starke Anstieg der Lebensmittelpreise hat in Teilen der Welt zu Unruhen geführt. Einige Regierungen haben mit einem Exportverbot knapper Lebensmittel reagiert. Wie hängen Lebensmittelknappheit und Preissteigerungen zusammen?


Le Monde - Frankreich

Die Ursache für den derzeitigen Preisanstieg bei Lebensmitteln sei nur zum Teil in den neuen Ernährungsgewohnheiten der Schwellenländer zu suchen, die aus den entwickelten Ländern übernommen wurden, meint die Zeitung. "Das ist aber nicht die einzige Ursache, wichtig ist auch die Konkurrenz durch die Biotreibstoffe. Denn die USA, die es mit dem Welternährungsprogramm ja so gut meinen, haben angekündigt, sie wollten die bereits sehr umfangreichen Anbauflächen für Biotreibstoffe verdoppeln. Gegenüber dem amerikanischen Autofahrer hat der haitianische Bauer eben kein Gewicht. Dasselbe gilt für Europa. Europa will nicht nur Biotreibstoffe weiterentwickeln, sondern es vertritt in internationalen Verhandlungen eine protektionistische Haltung, die die Landwirtschaft der Länder der Dritten Welt seit langem destabilisiert und der Begrenzung von Armut entgegenläuft." (17.04.2008)


Dagbladet Information - Dänemark

Zur Bekämpfung der weltweiten Nahrungsmittelkrise schlagen zwei der großen EU-Länder völlig unterschiedliche Maßnahmen vor: Der britische Premierminister, Gordon Brown, sprach sich für neue Handelsabkommen und Handelserleichterungen für die ärmsten Länder der Welt aus. Der französische Landwirtschaftsminister, Michel Barnier, plädiert für mehr Protektionismus und Subventionen für Landwirte in der EU. Die Zeitung kommentiert: "Die Lösung ist nicht 'die reine Marktwirtschaft', sondern eine Kombination aus der 'Befreiung der Produktion', wie die Europäische Kommission es nennt, mit klugen politischen Maßnahmen zum Wohl der Umwelt, des Klimas und der vielen Hungrigen und Armen dieser Welt. Für einen solchen Plan muss die EU arbeiten. Nötig ist eine vernünftige und koordinierte europäische Reaktion – und keine weitere Fehde zwischen London und Paris." (17.04.2008)


Financial Times - Großbritannien

Der Kolumnist Victor Mallet argumentiert, die weltweite Ernährungskrise sei nicht mangelndem Angebot geschuldet, sondern Hemmnissen im freien Handel. "Die unmittelbare Ursache der Krise ist - überraschender Weise - nicht ein Mangel an Nahrung. Das Problem liegt in der plötzlichen Zurückhaltung traditioneller Exporteure, ihre Waren zu verkaufen. So wie die Kreditgeber auf dem verfahrenen Kreditmarkt hortet jeder Produzent seine Vorräte für schwere Zeiten und vermutet, dass es die Handelspartner genauso machen. Das Vertrauen in die Effizienz und die Liquidität des Marktes ist zusammengebrochen. Agrarprotektionismus ist nicht neu... Der internationale Handel hat es trotzdem jahrzehntelang geschafft, zufriedenstellend zu reagieren und Überschüsse gelagerter Nahrungsmittel zu verteilen. Das derzeitige Horten ist daher alarmierend." (17.04.2008)


Der Tagesspiegel - Deutschland

Gerd Appenzeller sieht durch den Welternährungsbericht der FAO bestätigt, dass die westliche Welt ihren Wohlstand auf Kosten der weniger entwickelten Welt erhält: "Der Vorwurf vor allem an die USA, Kanada, Australien und Westeuropa lautet, auf einen einfachen Nenner gebracht, diese reichsten Staaten der Erde würden den Rest des Planeten wie Kolonien behandeln... Indem die Industriestaaten, durchaus guten Glaubens, der dritten Welt ihr vermeintlich überlegenes Wirtschafts- und Agrarsystem aufzwingen und ihre ökonomische Macht ausspielen, ruinieren sie diese Länder. Simple Beispiele gibt es genug. Die Europäische Union subventioniert den Bau immer größerer Fischfangflotten und kauft Fangrechte vor den Küsten Afrikas auf. Mit dem Ergebnis, dass die portugiesischen und spanischen Trawler die traditionellen Fischgründe etwa der Senegalesen abräumen, und diese dann, völlig verarmt, auf maroden Kähnen an die Küste der kanarischen Inseln segeln, um dort auf eine bessere Zukunft zu hoffen." (17.04.2008)


» zur gesamten Presseschau vom Donnerstag, 17. April 2008

 

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