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Archiv / Dossier

Top-Thema vom Donnerstag, 7. August 2008


Frankreichs Schuld?

Die Regierung Ruandas erhebt schwere Vorwürfe gegen Frankreich: Laut einer Untersuchung des ruandischen Justizministeriums sollen französische Soldaten aktiv am Völkermord von 1994 beteiligt gewesen sein. Damals wurden bei Auseinandersetzungen zwischen den Bevölkerungsgruppen der Tutsi und Hutu schätzungsweise 800.000 Menschen getötet. Die französische Armee hatte unter UN-Mandat eine Schutzzone in Ruanda errichtet.


Financial Times - Großbritannien

Die Tageszeitung Financial Times fordert im Zusammenhang mit dem Völkermord in Ruanda mehr Ehrlichkeit von französischen Politikern: "Die Andeutung, dass französische Beamte wissentlich Vorbereitungen zum Völkermord geduldet haben, mag einer Prüfung nicht standhalten. Aber Ruandas Anschuldigungen, dass Frankreich die Bedingungen für die Entwicklung des Völkermordes zuließ, indem es ein Satellitenregime unterstützte, selbst nachdem es Kriegsverbrechen verübte, haben Gewicht. Paris hat es bis heute versäumt, seine Fehler einzuräumen und irgendeine Form der Entschuldigung an Ruanda auszusprechen - eine Quelle gewaltigen Kummers für die Überlebenden der Massaker. ... Dies war der Tiefpunkt für Frankreichs Beziehungen mit Satellitenstaaten im frankophonen Afrika. Präsident Nicolas Sarkozy hat dies fast zugegeben, aber er muss mehr tun. Viele führende Politiker in Frankreich haben die Türkei scharf kritisiert, weil man dort nicht untersuchte, ob das Massaker an den Armeniern während des Zusammenbruchs des osmanischen Reichs auf einen Völkermord hinauslief. Sie nennen dies als einen Grund gegen die Mitgliedschaft der Türkei in der Europäischen Union. Sie müssen ehrlich sein bezüglich ihres eigenen Verhaltens in Ruanda." (07.08.2008)


Dagens Nyheter - Schweden

Die Tageszeitung Dagens Nyheter fordert eine umfassende Untersuchung der Rolle Frankreichs in Ruanda: "Vieles im Zusammenhang mit dem französischen Handeln in Ruanda ist noch ungeklärt, nicht zuletzt die Frage, wo die Grenze zwischen kolonialer Verblendung und verbrecherischer Unmenschlichkeit verläuft. Diese Frage kann nur durch eine vollständige Untersuchung beantwortet werden. Hier gibt es ein Vorbild: die Untersuchung des Handelns der UN in Ruanda, die [der frühere schwedische Ministerpräsident] Ingvar Carlsson 1999 im Auftrag von Kofi Annan durchführte. ... Dass sich Frankreich freiwillig in der Öffentlichkeit an seine koloniale Nase fasst, ist unwahrscheinlich. Aber die Welt, und nicht zuletzt die UN, sollte klarstellen, dass nur eine unabhängige Untersuchung Fragezeichen ausräumen kann." (07.08.2008)


die tageszeitung - Deutschland

"Eine ehrliche Aufarbeitung der französischen Unrechtspolitik in Afrika steht aus", bemängelt die tageszeitung. "Ruanda bleibt in Paris ein Tabu. Man spricht höchstens von 'Irrtümern', was ungefähr so ist, als bezeichne Radovan Karadžić das Massaker von Srebrenica als ein Versehen. Auch jetzt möchte das offizielle Paris den neuen Untersuchungsbericht am liebsten durch Ignorieren aus der Welt schaffen, statt sich den Tatsachen zu stellen. Die Menschen in Ruanda, ob Opfer oder Täter, haben Besseres verdient. Sie wollen wissen, warum ihr Land damals in eine Apokalypse getrieben wurde. Der [ruandische] Bericht geht mit gutem Beispiel voran. Jetzt sollten die darin Genannten mit der Vergangenheit ehrlich umgehen." (07.08.2008)


Le Nouvel Observateur - Frankreich

In einem Interview mit dem Wochenmagazin Le Nouvel Observateur analysiert der Kriegsreporter Jean Hatzfeld die Verantwortung Frankreichs beim Völkermord in Ruanda: "Frankreich war in allen Perioden des Genozids anwesend, ohne jedoch dafür Schuld zu tragen. Man kann verantwortlich und gleichzeitig unschuldig sein. ... Frankreich hatte seinerseits an dieser Zerstörung nichts zu gewinnen. Aber die französische Politik hat oft verheerende Auswirkungen gehabt, namentlich auf dem Balkan. Oft ging es darum, die Frankophonie wieder zu stärken und das verlässlichste und legitimste Regime zu begünstigen. Egal, ob die Person an der Macht ein Diktator war. ... Was ich an diesem Bericht positiv finde, ist die Tatsache, dass der Westen vor seiner Verantwortung stehen wird. ... Es ist unglaublich, dass es in Den Haag keine Verurteilung des französischen Militärs gab. Man bekommt den Eindruck, dass die internationale Justiz für die Einheimischen vorbehalten ist." (06.08.2008)


» zur gesamten Presseschau vom Donnerstag, 7. August 2008

 

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