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Archiv / Dossier

Top-Thema vom Mittwoch, 10. September 2008


Die Gottmaschine

Heute nimmt der neue Teilchenbeschleuniger am Europäischen Kernforschungszentrum CERN seinen Betrieb auf. Der so genannte Large Hadron Collider (LHC) soll unter anderem Erkenntnisse über den Urknall und die Entstehung des Universums liefern. Die geplanten Experimente erzeugen jedoch neben wissenschaftlicher Begeisterung auch weltweite Skepsis über die Grenzen der Forschung.


Le Monde - Frankreich

Mit dem neuen Teilchenbeschleuniger des CERN zeigt die europäische Forschung, dass sie zur internationalen Spitze gehört, schreibt die Tageszeitung Le Monde. Davon profitiere nicht nur die Wissenschaft: "Wenn sich die Europäer zusammenschließen, können sie zu Führern der 'großen Wissenschaft' werden und ihren Konkurrenten noch so manches beibringen. Der riesige Teilchenbeschleuniger des Europäischen Zentrums für Kernforschung ist ein Beweis dafür. ... Manche sehen in diesem Mammutprojekt, das einige zehntausend Wissenschaftler aus Hunderten von Ländern jahrelang beschäftigen wird, fast eine poetische Geste: Man erwartet ... außer einigen Nobelpreisen kein konkretes Ergebnis. Sind die Physiker also Träumer, gleichsam Eroberer des Unnützen? Ganz im Gegenteil. Indem sie internationale Fördermittel an Land gezogen haben, zeigen sie, dass sie für eine Globalisierung des Wissens sorgen. Andere Sektoren - egal ob in der Wissenschaft oder anderswo - könnten daraus ihren Nutzen ziehen." (10.09.2008)


Frankfurter Rundschau - Deutschland

Der wissenschaftliche und wirtschaftliche Nutzen des milliardenschweren LHC-Projekts ist ungewiss. Trotzdem ist das CERN für die Frankfurter Rundschau eine europäische Vorzeigeinstitution. "Vor mehr als einem halben Jahrhundert hatten europäische Politiker den Mut, ... viel Geld für wissenschaftliche Experimente lockerzumachen und das Europäische Labor für Teilchenphysik CERN zu gründen. ... Dieser Mut der damaligen Politiker zur Zukunft ist ohne Frage reich belohnt worden. Es war eines der ersten Vorhaben europäischer Zusammenarbeit - über alle Sprach- und Ländergrenzen hinweg. ... CERN ist einer der frühen Kristallisationspunkte für die Erfolgsgeschichte der Einigung Europas - und darüber hinaus. ... Es mag nicht immer einfach sein zu erklären, welchen praktischen Nutzen für die Menschen die neue Anlage am CERN haben wird. ... Dennoch zeigt die Vergangenheit, dass das Geld meist gut investiert worden ist. Wer weiß schon noch, dass ausgerechnet am CERN das World Wide Web programmiert worden ist, also das Internet in der heute bekannten Form." (10.09.2008)


La Repubblica - Italien

Einige Wissenschaftler haben davor gewarnt, dass die LHC-Experimente unabsichtlich ein schwarzes Loch erzeugen könnten, das die Erde verschlingt. Die Tageszeitung La Repubblica warnt vor dem Forscherdrang am CERN. "Es ist nicht das erste Mal, dass das Ende der Welt angekündigt wird. Im Gegenteil, die Weltgeschichte ist voller Weltuntergänge. Aber dieses wäre sicherlich das erste vollständig vom Menschen geschaffene Ende der Welt, ein laizistisches, säkulares Ende, ohne heilige Schriften, ohne Gott, ohne Glauben, ohne Religion, in einem Labor hervorgerufen, ohne Paradies, Hölle und Fegefeuer, ohne jüngstes Gericht. Wenn unsere Wissenschaftler auf der Suche nach dem Gottesteilchen, wie James Gillies vom Kernforschungsinstitut es nennt, keine Fanatiker des Weltendes wären, hätten sie die heutige Verabredung mit der Apokalypse nicht gesucht. … Heute ... haben wir den endgültigen Beweis, dass die Wissenschaft das Produkt ihres Gegenteil ist und dass der wissenschaftliche Fortschritt eher aus Dunkelheit denn aus Licht besteht." (10.09.2008)


The Guardian - Großbritannien

Die TV-Komödiantin Ariane Sherine argumentiert in der Tageszeitung The Guardian, dass ein durch das LHC-Experiment hervorgerufener Weltuntergang gar nicht so schlimm wäre: "Wir können das Sterben nicht vermeiden, aber wenn die Erde heute ins Nichts gesaugt wird, ersparen wir uns wenigstens alle die Angst und das Leiden, das mit dem Durchschnittstod einherkommt. Es sei denn, man ist genau jetzt beunruhigt über die bevorstehende apokalyptische Finsternis. ... Falls Sie beunruhigt sind: Alles wird gut. Und selbst wenn nicht, dann wissen wir das nicht, und das ist auch gut. Wenn die Leute düster und elend sein wollen, sagen sie: 'Wir sterben alle allein'. Nicht diesmal. Und was am wichtigsten ist: Wenn wir heute alle verschwinden, sterben wir aus einem großartigen Grund - für die noble Sache des wissenschaftlichen Fortschritts auf einer Mission, mehr darüber herauszufinden, wie das Universum funktioniert. Und ernsthaft: Wäre das wirklich das Ende der Welt?" (10.09.2008)


» zur gesamten Presseschau vom Mittwoch, 10. September 2008

 

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