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Archiv / Dossier

Top-Thema vom Mittwoch, 12. November 2008


Gedenken an den Ersten Weltkrieg

Menschen in ganz Europa haben am 11. November dem Ende des Ersten Weltkriegs vor 90 Jahren gedacht. Die europäische Presse diskutiert die Bedeutung der Gedenkfeiern aus unterschiedlichen Blickwinkeln.


Le Soir - Belgien

Die Tageszeitung Le Soir begrüßt, dass sich die Öffentlichkeit wieder an den Ersten Weltkrieg erinnert: "Seit rund 20 Jahren erinnert man sich wieder an den Krieg von 1914 bis 1918. ... Der Krieg, den man auch den Großen Krieg nannte, ersetzte den Gründungsmythos Belgiens und wurde gleichzeitig zum Alibi für die flämische Bewegung. Ist es die Ankunft einer neuen Generation von Historikern? Oder die glanzvolle Rückkehr der ereignisreichen Geschichte? Man spricht wieder über den Großen Krieg. Bücher und Filme, die sich an ein breites Publikum richten, sind ihm gewidmet. Zu schreiben, dass sich Geschichte wiederholt und dass, wer dies nicht wisse, riskiere, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, ist ein Allgemeinplatz. Dennoch brach der Zweite Weltkrieg teilweise deshalb aus, weil die Lehren aus dem Ersten nicht gezogen worden waren. Das 90-jährige Jubiläum des Waffenstillstandes ist keine Feier für Feuerwerksliebhaber, sondern die Erinnerung daran, dass auch der Friede einen Preis hat." (10.11.2008)


La Repubblica - Italien

In seiner Rede in Douaumont nahe dem Schlachtfeld von Verdun erinnerte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy auch an die Deserteure des Ersten Weltkriegs. Damit habe er ein Tabu gebrochen, schreibt die links-liberale Tageszeitung La Repubblica: "Die Erinnerung an die Deserteure, die Soldaten, die den Gehorsam verweigerten und zum Exempel erschossen wurden, ist die erste politische Rehabilitierung seitens eines französischen Staatspräsidenten von 675 Soldaten, die zwischen 1914 und 1918 erschossen wurden. ... Sarkozy hat den richtigen Ton gefunden, um der mit Schmach bedeckten Soldaten zu gedenken. ... Mit der Wiedergutmachung hat [der ehemalige französische Premierminister] Lionel Jospin schon vor zehn Jahren geliebäugelt. ... Sein Nachfolger, wenn auch rechts orientiert und Anhänger nationaler Werte, hat nun das Tabu gebrochen. ... Frankreich ist nicht das erste Land, das diesen Schritt vollzieht. Großbritannien hat seine 360 hingerichteten Soldaten per Gesetz rehabilitiert. In Italien hingegen bleiben die 750 zum Tode verurteilten und erschossenen Soldaten vergessen." (12.11.2008)


Frankfurter Allgemeine Zeitung - Deutschland

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat an einer Veranstaltung in Polen teilgenommen, das neben dem Kriegsende auch den 90. Jahrestag seiner Unabhängigkeit feierte. Für die Tageszeitung Frankfurter Allgemeine zeigt das, wie weit Europa gekommen ist: "So erregte es kaum noch Aufsehen, dass die Bundeskanzlerin am Dienstag in Warschau war, als Polen den 11. November als Tag der nationalen Wiedergeburt feierte. Auch wenn sich in neunzig Jahren nichts daran geändert hat, dass Polens Glück – der gleichzeitige Zusammenbruch aller drei Teilungsmächte – Deutschlands dunkle Stunde war, so sagt doch eine solche Einladung mehr über das, was sich in Europa geändert hat, als tausend Konferenzen. Was der versöhnlichen Haltung des polnischen Staatspräsidenten allerdings einen Großteil ihrer Wirkung nahm, war seine Unversöhnlichkeit gegenüber seinem Vorvorgänger Walesa, den er aus persönlichen Gründen von den offiziellen Feierlichkeiten ausgeschlossen hatte." (12.11.2008)


Fakt - Polen

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel kommentiert den Unabhängigkeitstag Polens auf der Seite Drei der auflagenstärksten polnischen Tageszeitung Fakt: "Der 11.11.1918 ist für das polnische Volk und für ganz Europa ein wichtiges historisches Datum. An diesem Tag ist Polen nach 123 Jahren als freier und unabhängiger Staat wieder auf der politischen Landkarte erschienen. Doch bedeutete das nicht das Ende des schwierigen Lebens des polnischen Volkes. Wir behalten das unbeschreibliche Leid, das den Polen durch Deutsche und im Deutschen Namen zugefügt worden ist, immer im Bewusstsein unserer Nation. Es ist die historische Grundverpflichtung Deutschlands. Dieser schicksalsvolle historische Tag erinnert mich auch daran, dass Polen in hervorragender Weise dazu beigetragen hat, die Teilung Europas zu überwinden ... wir bleiben Euch dafür dankbar. ... Heute sind Polen und Deutsche gute Nachbarn und Freunde." (12.11.2008)


Postimees - Estland

Die Tageszeitung Postimees betont die Symbolkraft des Jahrestags für Europa: "Heute vor neunzig Jahren schwiegen die Waffen an der Westfront, aber im Osten begannen der russische Bürgerkrieg, der estnische Befreiungskrieg und noch eine ganze Reihe weiterer Konflikte. Im Westen herrschte aber tatsächlich Waffenstillstand, und dort wird der heutige Jahrestag denn auch besonders feierlich begangen. Wenn man nach Symbolen sucht, dann sind hierzu vielleicht Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und seine Frau Carla Bruni besonders gut geeignet. Immerhin war diese vor einigen Monaten noch italienische Staatsbürgerin, und wir sollten nicht vergessen, dass Frankreich und Italien während des Ersten Weltkriegs noch verschiedenen Lagern angehörten." (12.11.2008)


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