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Top-Thema vom Mittwoch, 8. Juli 2009


Papst fordert ethische Kontrolle der Wirtschaft

Kurz vor dem G8-Gipfeltreffen in Italien hat Papst Benedikt in Rom seine Sozialenzyklika mit dem Titel "Liebe in Wahrheit" vorgelegt. Darin verurteilt der Pontifex blindes Profitstreben und Konsumsucht und fordert eine ethische Kontrolle der globalen Wirtschaft sowie eine von Moral geleitete Weltordnung. Die europäische Presse bewertet die Enzyklika des katholischen Kirchenoberhaupts.


Corriere del Ticino - Schweiz

Nach Ansicht der liberalen Tageszeitung Corriere del Ticino weist die Sozialenzyklika einen überraschend konkreten und zugleich utopischen Charakter auf: "In Erstaunen versetzt in erster Linie die Genauigkeit der Vorschläge zur globalisierten Wirtschaftskrise. ... Aber auch der utopistische Hauch des Dokuments lässt staunen. ... Die Botschaft des Papstes wird besonders da präzise, wo sie sich an die Unternehmer und die Banker richtet. ... Die Akteure der Finanzwelt müssen die ethischen Fundamente ihrer Aktivität wieder entdecken, um nicht die hoch entwickelten Instrumente zu missbrauchen, die dazu dienen könnten, den Sparer zu hintergehen. Redliche Absicht, Transparenz und die Suche nach guten Ergebnissen sind vereinbar und dürfen nie getrennt werden. Wenn die Enzyklika diese Punkte berührt, verlässt sie die Sphäre des reinen und schlichten Dokuments der Theologie über die Zentralität der Verknüpfungen von Wirtschaft, Gemeinschaftssinn, Politik und Ethik. Sie wird zur grundsätzlichen Reflexion, die sich an alle richtet - ob gläubig oder nicht." (08.07.2009)


Le Monde - Frankreich

In ihrem Leitartikel begrüßt die Tageszeitung Le Monde die neue Sozialenzyklika von Papst Benedikt XVI. "Benedikt XVI. versetzt nicht das soziale Denken der katholischen Kirche in Aufruhr, das sich seit mehr als einem Jahrhundert auf die Suche nach der sozialen Gerechtigkeit im Dienste des 'Gemeinwohls' richtet. Er aktualisiert es [das soziale Denken] wieder, indem er die Globalisierung berücksichtigt. ... Der Papst predigt einen 'vollständigen Humanismus', indem er betont, dass der Mensch 'das erste Kapital ist, das beschützt und aufgewertet werden muss'. Wie [Papst] Johannes Paul II. verteidigt Benedikt XVI. die Marktwirtschaft unter der Voraussetzung dass sie 'das Gemeinwohl berücksichtigt. ... Der römische Bischof gesteht der Globalisierung Tugenden zu, solange sie die Entwicklung oder eine bessere Verteilung von Wohlstand fördert, aber er zeigt vor allem mit dem Finger auf seine Funktionsstörungen. ... Ein Pontifex, der angesichts der Krise für einen wirklich regulierten Kapitalismus plädiert." (07.07.2009)


Corriere della Sera - Italien

Die Aufforderung zum Nachdenken ist Kernpunkt der Sozialenzyklika von Papst Benedikt XVI., meint die liberalkonservative Tageszeitung Corriere della Sera. "Die Enzyklika des Papstes enthält viele konkrete Hinweise. ... Sie ist also alles andere als ein vereinfachendes Rezept. Der Papst wird zum Sprachrohr des Aufschreis vieler und entwickelt diesen zu einer artikulierten Argumentation. ... Die Enzyklika will die vielen Akteure der Wirtschaft und Gesellschaft für eine solidarische Vision gewinnen. Solidarität ist das Schlüsselwort: Wurzel des Humanismus, Einbeziehung der Wirtschaft in die Politik. ... Die zufällige Gleichzeitigkeit der Veröffentlichung der Enzyklika und des Gipfeltreffens der G8 ist eine Herausforderung bezüglich der Armut an Ideen und Perspektiven. ... Die Enzyklika wird schon Erfolg haben, wenn sie dazu beiträgt, eine politische und wirtschaftliche Kultur wiederzubeleben, die über die Zukunft nachdenkt. Dieser Papst will nicht nur helfen zu glauben, sondern auch nachzudenken." (08.07.2009)


Süddeutsche Zeitung - Deutschland

"Papst Benedikts Schreiben heißt 'Caritas in Veritate', Liebe in Wahrheit - und es ist eine Enttäuschung", meint die linksliberale Tageszeitung Süddeutsche Zeitung. "Es fehlt ihr die visionäre Kraft, die Paul VI. 1967 in seiner Sozialenzyklika 'Populorum progressio' entfaltete, die prophetische Intensität der Schreiben Johannes Pauls II. - und das in einer Zeit, in der beides so notwendig wäre wie lange nicht mehr. ... Seit Pius XII. die Nachkriegs-Moderne nicht mehr verstand, ist kein Pontifex mehr so weltfremd gewesen wie Benedikt XVI. Der Welt fremd sein, ihr nicht in jeder Mode hinterherzujapsen, das ist durchaus eine Haltung, die den christlichen Kirchen steht. ... Zunehmend aber werden die Grenzen dieses unpolitischen Papstes sichtbar, bei der Regensburger Rede wie beim Umgang mit den traditionalistischen Pius-Brüdern. Oder jetzt, wo ein Wort über die neuen Dinge dieser Welt notwendig gewesen wäre - und doch nur ein schwacher Aufguss des bereits Gesagten herausgekommen ist." (08.07.2009)


» zur gesamten Presseschau vom Mittwoch, 8. Juli 2009

 

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