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Archiv / Presseschau | 13.09.2007

 

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Putin bereitet seine Nachfolge vor

Putin bereitet seine Nachfolge vor

 

Sechs Monate vor den russischen Präsidentschaftswahlen ist die Regierung von Ministerpräsident Michail Fradkow zurückgetreten. Präsident Wladimir Putin ernannte überraschend Wiktor Subkow zum neuen Ministerpräsidenten - und nicht Sergej Iwanow, der bislang als Favorit für diesen Posten und auch für das Präsidentenamt gegolten hatte. Die Zeitungen spekulieren, wie Putin seine Nachfolge regeln will. » mehr

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
The Daily Telegraph - Großbritannien, Süddeutsche Zeitung - Deutschland, Postimees - Estland, Courrier International - Frankreich

The Daily Telegraph - Großbritannien

"Der 65-jährige Subkow ist der russischen Öffentlichkeit unbekannt - ganz zu schweigen vom Rest der Welt. In den 1990er Jahren arbeitete er gemeinsam mit Putin im Stadtverwaltung von St. Petersburg und galt als sein Mentor", schreibt die Zeitung. "Der Aufstieg Subkows erinnert unweigerlich daran, wie Jelzin Putin als Ministerpräsident einsetzte und ihn so als Nachfolger für sein Amt designierte. Dieser Vergleich beinhaltet allerdings eine Warnung. Denn Putin hat sich zunächst große Autorität gesichert und dann seit 2000 systematisch daran gearbeitet, Jelzins Erbe zu zerstören. Er hat Russland zu einem effektiveren, aber weniger liberalen Staat gemacht. Der derzeitige Amtsinhaber hofft zweifellos darauf, nach dem Ende seiner Amtszeit im kommenden Jahr im Hintergrund weiter Macht ausüben zu können. Doch es könnte ihm durchaus passieren, dass Subkow oder irgendeine andere Figur, die er noch aus dem Hut ziehen mag, selbständig wird, sobald er die ungeheure Macht hat, die dem russischen Staatsoberhaupt zukommt. Das macht diese Übergangszeit so faszinierend." (13.09.2007)

Süddeutsche Zeitung - Deutschland

"Putin hat offenbar Gefallen daran, der Welt immer wieder Rätsel aufzugeben", schreibt Frank Nienhuysen. "Als alle dachten, er bringe nun wenigstens seinen Günstling Sergej Iwanow für die Präsidentschaftswahl in Stellung, da zauberte Putin einen nahezu unbekannten Finanzexperten namens Wiktor Subkow hervor... Eine transparente Demokratie lässt sich in all dem nicht erkennen, das ist die bittere Erkenntnis aus Putins undurchsichtiger Personalpolitik - und dies sechs Monate vor der Wahl. Die russische Bevölkerung nimmt den Wechsel stoisch hin. Dass es für sie eine echte Alternative zum gelenkten Regierungssystem geben könnte, erwartet sie ohnehin nicht." (13.09.2007)

Postimees - Estland

Die estnische Zeitung findet die Abberufung des russischen Premiers Michail Fradkow nicht überraschend. Putin müsse bereits im Herbst bekannt geben, wen er zu seinem Nachfolger machen will. "Putin geht bei der Besetzung der Machtposten immer nach demselben Schema vor: Zuerst wird eine Person zum Premierminister ernannt, dann wird er Stellvertreter des Präsidenten, und anschließend weiß das Volk, wen es zu wählen hat. Was dagegen keiner voraussehen konnte, war die Ernennung des weitgehend unbekannten Wiktor Subkow zum Premier - anstelle des ursprünglichen Putin-Favoriten Iwanow. Dessen Ambitionen auf den Thron muss dies jedoch nicht unbedingt beeinflussen, denn anders als in demokratischen Staaten reagiert Putin mit der Ernennung von Politikern nicht auf Stimmungen oder Wahlen." (13.09.2007)

Courrier International - Frankreich

"Wie jeder gute Populist - oder vielmehr wie heutzutage jeder Politiker - vereinigt Wladimir Putin Kommunikation und Politik. Er zögert nicht, das genaue Gegenteil von dem zu tun, was das russische Establishment und seine westliche Amtskollegen erwarten", schreibt Philippe Thureau-Dangin. "Es ist interessant zu beobachten, wie Russland, das man vor zehn Jahren noch für todgeweiht hielt, sich heute erfolgreich als strategischer Rivale der USA gibt. Es tritt sogar als ideologischer Rivale auf, denn es argumentiert lautstark mit slawophilen Werten gegen alle Westler, sei es im In- oder Ausland. Hier hat die Globalisierung ihre Grenze." (13.09.2007)

REFLEXIONEN

Le Nouvel Observateur - Frankreich

Claude Weil gegen die Instrumentalisierung von Geschichte

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy hat angeordnet, den Abschiedsbrief des am 22. Oktober 1941 von den Deutschen hingerichteten kommunistischen Widerstandskämpfers Guy Môquet an seine Eltern in allen Gymnasien Frankreichs lesen zu lassen. Kommentator Claude Weil findet diesen Brief "zwar erschütternd, aber er trägt wenig zum Verständnis von Geschichte bei. Er sagt nichts über Môquets Engagement, nichts über seine Ideale als junger Kommunist, nichts über den historischen Kontext aus. Es leuchtet nicht ein, was diese Lektüre bei den Schülern von heute bewirken soll – außer einem kurzen emotionalen Schauder, ein kurzes patriotisches Gemeinschaftserlebnis, das rein gefühlsmäßig und völlig unhistorisch ist. Bedeutet das nicht, Geschichte zu instrumentalisieren?" (13.09.2007)

Die Zeit - Deutschland

Elisabeth Bronfen über Stars und Diven

Es gibt keine Diven mehr, stellt die Schweizer Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen fest. Anlass ist der 30. Todestag der Opernsängerin Maria Callas. Den Stars von heute fehle die Kompromisslosigkeit: "Ungeachtet aller Konseqeuenzen verfolgt eine Diva hartnäckig ihr Ziel. In eine Öffentlichkeit, in der Meinungsfragen alles beherrschen, passt eine solche Aufrichtigkeit schlecht. Vermarktungstrategien sind überall sichtbar, alles wird im Voraus berechnet. Funktionieren kann eine Berühmtheit heute, wenn sie gefällig ist. Selbst eine Kontroverse muss den Befindlichkeiten des Publikums angepasst sein. Eine begabte Politikerin wie Hillary Clinton sichert ihre öffentlichen Auftritte mit derselben Absolutheit ab, mit der eine Diva bereit ist, alles aufs Spiel setzen. Jede Reaktion, die die Senatorin mit ihren Aussagen auslösen könnte, ist immer schon mitkalkuliert. Dies mag zwar für eine Anwärterin für die US-Präsidentschafts pragmatisch sein, führt jedoch auch zum Vorwurf fehlender Glaubwürdigkeit... Einer Diva hingegen muss man uneingeschränkt Vertrauen schenken können." (13.09.2007)

The Guardian - Großbritannien

Timothy Garton Ash über junge europäische Muslime

Timothy Garton Ash schreibt über den islamistischen Terrorismus in Europa. "Überall auf dem Kontinent und auch an seinen Rändern gibt es hunderttausende junger Muslime, die vor einer Entscheidung stehen. Entweder sie werden die Bomber von morgen oder sie werden gute Bürger, die in die Pensionskassen unserer kränkelnden Staaten einzahlen: die Europäer von morgen. Welche Chemie hier am Werke ist, versteht man besser, wenn man an die letzte Welle jugendlichen Terrorismus' zurückdenkt, an den 'deutschen Herbst' vor 30 Jahren und an die Roten Brigaden Italiens. Als ich Ende der 1970er Jahre in Berlin lebte, habe ich einige Menschen getroffen, die mir erzählten: 'Es gab da einen Moment, in dem ich vor der Entscheidung stand.' Sie hätten sich davon schleichen können und bei der RAF mitmachen... Stattdessen sind sie Journalisten, Wissenschaftler oder Rechtsanwälte geworden. Jetzt sind sie die Stützen einer Gesellschaft, die von einer neuen, potenziell noch destruktiveren Welle des Terrorismus bedroht ist." (13.09.2007)

POLITIK

Der Standard - Österreich

Terrorverdächtige in Österreich festgenommen

In Österreich sind am Mittwoch drei Terrorverdächtige festgenommen worden, denen vorgeworfen wird, in Kontakt mit al Qaida zu stehen. Petra Stuiber stellt einen Zusammenhang zur Islam-Debatte in Österreich her: "Österreich weigert sich bis heute zu akzeptieren, dass es ein Land ist, in das Menschen einwandern... Österreich ruhte sich lieber auf der Tatsache aus, dass der Islam schon 1912 als Religionsgemeinschaft anerkannt worden ist... FPÖ und BZÖ, die sich in den letzten Wochen einen unappetitlichen Wettkampf um die größere Islamfeindlichkeit geliefert haben, kommen die Verhaftungen gerade recht. Das zeigt die Kärntner Minarett-Debatte ebenso wie das gefährliche Spiel mit Anrainer-Ängsten im 20. Wiener Gemeindebezirk, wo ein Gebetshaus vergrößert werden soll. Die ÖVP hüpft munter auf, und die SPÖ schweigt oder wiegelt ab. Mit Beschwichtigen wird die Radikalisierung auf beiden Seiten aber nicht zu verhindern sein. Eher im Gegenteil." (13.09.2007)

El Mundo - Spanien

Zapatero verliert einen Verbündeten

Josu Jon Imaz, der Vorsitzende der baskischen Nationalpartei PNV, hat seinen Rückzug aus der Politik bekannt gegeben. Die Tageszeitung ist bestürzt über diesen Verlust. Der gemäßigte Imaz habe angesichts der radikalen Positionen in seiner Partei aufgegeben. "Der Parteivorsitzende der PNV war zweifellos ein Beispiel politischer Beständigkeit. Er wollte sicherlich auf die zunehmende Radikalisierung des baskischen Nationalismus aufmerksam machen. Imaz' Ausscheiden aus der Politik wird sich nicht nur auf die PNV auswirken, sondern auch auf nationaler Ebene.... Premierminister José Luis Rodriguez Zapatero wird nun klar, dass Zugeständnisse an die Nationalisten die moderaten Flügel dieser Parteien nicht stärken, sondern eher die radikalen Strömungen, die, sobald es an Standfestigkeit fehlt, sofort mehr verlangen." (13.09.2007)

La Stampa - Italien

Die Umweltschulden Italiens

Der italienische Umweltminister Alfonso Pecoraro Scanio hat bei einer nationalen Klimakonferenz gesagt, das Klima erwärme sich in Italien viermal schneller als in der restlichen Welt. Wirtschaftsjournalist Mario Deaglio findet das nicht überraschend: "Unter der Überschrift Umwelt kann man sehr verschiedene Probleme zusammenfassen, zum Beispiel Methanausstoß, Abfall, Klimaerwärmung, Waldbrände, Quallenplagen und dezimierte Fischbestände im Meer... All das sind Facetten desselben Problems und können im umfassenden Konzept der 'Umweltschuld' zusammengefasst werden. Italien hat in den 70er und 80er Jahren nicht nur in finanzieller Hinsicht Schulden angehäuft..., sondern auch aktiv dazu beigetragen, sein eigenes Land, seine Luft und seine Wasserreserven zu zerstören." (13.09.2007)

WIRTSCHAFT

Hufvudstadsbladet - Finnland

Starker Euro, schwacher Dollar

Der Euro hat gestern den höchsten Stand gegenüber dem Dollar seit seiner Einführung 1999 erlebt. Max Arhippainen sieht darin allerdings eher eine Schwäche des Dollar als ein Zeichen für europäische Stärke. "Die USA haben schon lange ein enormes Außenhandelsdefizit, das sich zwangsläufig negativ auf die Währung des Landes auswirkt. Außerdem verschärft sich die Krise auf dem Immobilienkreditmarkt weiter. Finanzminister Paulson warnt sogar davor, dass diese Krise länger andauern könne als vergleichbare Tiefs. Alle gehen nun davon aus, dass es in wenigen Tagen zu einer Senkung des Leitzinses kommen wird, was den Dollarkurs weiter nach unten treiben wird. Langfristig könnte dann das Wachstum in den USA zurückgehen (was sich auch auf andere negativ auswirkt) und für eine dauerhafte Dollarschwäche sorgen. Die gestrige Topnotierung hat also durchaus ihre Schattenseiten." (13.09.2007)

Gândul - Rumänien

Ford steigt beim rumänischen Automobilwerk Craiova ein

Ford hat für 57 Millionen Euro die Aktienmehrheit am rumänischen Automobilwerk Craiova gekauft. Ford ist nach Renault der zweite westliche Konzern, der in Rumänien Autos bauen lässt, stellt Bogdan Chieriac fest. "Ford und Renault werden in Rumänien ab dem Jahr 2010 über 600.000 Fahrzeuge pro Jahr produzieren, ein Großteil davon geht in den Export, rund 1500 Fahrzeuge täglich. Das Problem ist nur, dass Rumänien so viele Jahre nach der Revolution immer noch keine Straßen hat, die für LKWs taugen, die die Export-Wagen nach Westen oder zum Hafen nach Constanta transportieren sollen. Ford überlegt deshalb, die Autos über die Donau nach Westen schiffen zu lassen. Außerdem gibt es im Automobilbau weiterhin die kommunistische Vorstellung, die Fabrik gehöre dem ganzen Volk. In Pitesti wurden vor der Ankunft von Renault vollständige Fahrzeuge vom Montageband gestohlen. Heute ist die Fabrik das bestbewachte Werk weltweit. Auch die Amerikaner in Craiova werden anfangs nicht verstehen, warum die Fahrzeuge in Frankfurt oder Paris ohne Räder, Autoradios oder Fußmatten ankommen, obwohl sie zuvor montiert waren." (13.09.2007)

KULTUR

Rzeczpospolita - Polen

Andrzej Wajdas Film "Katyn"

Der Film Katyn des polnischen Filmregisseurs Andrzej Wajda kommt jetzt in Polen in die Kinos. Er erzählt von der Ermordung von 22.000 polnischen Offizieren während des Zweiten Weltkriegs durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD in Katyn - darunter auch Wajdas Vater. Bis 1990 war das Massaker in Polen ein Tabuthema. Krzysztof Masłoń hält diesen Film für außerordentlich wichtig: "Andrzej Wajda meint, nach 'Katyn' würden noch andere Filme über dieses Verbrechen entstehen. Ich bin da anderer Meinung. Wajdas Film öffnet und schließt das Kapitel Katyn in der polnischen Kinogeschichte. Der erschütternden letzten Filmszene lässt sich nichts mehr hinzufügen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Film auch nur einen Polen gleichgültig lassen wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemanden geben wird, der sich diesen Film nicht anschauen wird." (13.09.2007)

La Voix du Luxembourg - Luxemburg

Luxemburg als europäisches Kulturlaboratorium

Luxemburg ist 2007 als europäischer Kulturhauptstadt. Sonia Da Silva zieht eine erste Bilanz. "2007 war das Jahr der 'Dezentralisierung der Kultur'. Es gab Projekte, die Industriebrachen wieder urbar machten und sogar zu ihrer Aufwertung beitragen können, sofern sich die Politiker dafür einsetzen. Dieses Erbe gilt es zu bewahren, nicht aus Nostalgie, sondern aus Respekt für diesen Nährboden unserer Identität... Die Organisation des Kulturjahres war durch die Einbeziehung der Peripherie der Stadt innovativ... Als Kulturhauptstadt haben wir zwar vielleicht jenseits unserer Grenzen nicht den großen Appetit auf Kultur geweckt, aber die Künstler, die daran teilgenommen haben, sind sich sehr viel näher gekommen. Sie haben ein europäisches Laboratorium der Kultur geschaffen, um das uns viele Länder beneiden." (13.09.2007)

Neue Zürcher Zeitung - Schweiz

Richter-Fenster für den Kölner Dom

Petra Kipphoff ist begeistert vom Chorfenster des zeitgenössischen Künstlers Gerhard Richter im Kölner Dom. "Über seine Bilder behält er, auch wenn sie ihm nicht mehr gehören, zumindest insoweit die Hoheit, als ihr Zustand kein endgültiger ist. Die Domfenster aber sind nicht nur materiell seinem Zugriff für immer entzogen, sondern auch durch den Wechsel des Lichteinfalls im Zustand der ständigen Veränderung, auf die er keinen Einfluss hat... Gerade in diesem wechselnden Licht und gerade an diesem Ort wird das Fenster dann allerdings doch zu einem paradigmatischen Kunstwerk des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Anders als in den früheren Bilderzählungen, Figurendarstellungen oder Dekorationsmustern, die in den jeweiligen Rahmen hineingepasst wurden, ist Richters illuminierte Abstraktion nicht durch Lanzette und Rosette bestimmt... Die Vorgaben des Kirchenfensters ignoriert Richter wie beiläufig. Und sprengt den Rahmen dann noch einmal, indem er ihn überstrahlt. 'Es werde Licht' (I. Buch Moses, 1, 3)." (13.09.2007)

 

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