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Archiv / Presseschau | 24.09.2007

 

TOP-THEMA

Gordon Browns gelungener Amtsantritt

Gordon Browns gelungener Amtsantritt

 

Der britische Premierminister Gordon Brown hält heute beim jährlichen Labour-Parteitag seine erste Rede seit seinem Amsantritt vor drei Monaten. Wegen Browns großer Popularität in der Bevölkerung spekuliert man in Großbritannien bereits über Neuwahlen. » mehr

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
The Times - Großbritannien, Le Temps - Schweiz, Berliner Zeitung - Deutschland

The Times - Großbritannien

Tim Hames hofft, dass Gordon Brown Neuwahlen ansetzen wird: "Fast alle Experten meinen, Brown zögere noch, Neuwahlen für den 25. Oktober oder 1. November auszurufen, obwohl die meisten auch der Ansicht sind, dass er sie bequem gewinnen würde. Sie glauben, dass er das Ganze bis nächsten Mai hinausschieben wird, damit sich der Umfragetrend stabilisieren kann, bevor er sich zur Wahl stellt. Doch darauf sollte Gordon Brown keine Rücksicht nehmen. Er sollte bis nach dem Parteitag der Konservativen warten und dann das House of Commons auflösen. Er hätte dann das Argument auf seiner Seite, dass die Wähler genug von ihm und seinem Gegenkandidaten in Krisensituationen mitbekommen hätten, um ein Urteil fällen zu können. Er sollte auch klar machen, dass die Weltwirtschaft ins Trudeln geraten ist und dass es klüger wäre, unter diesen Umständen einen Premierminister mit vollen Amtsbefugnissen zu haben." (24.09.2007)

Le Temps - Schweiz

"Wo ist Tony Blair geblieben?", fragt die Schweizer Tageszeitung. "Bis zu seinem letzten Amtstag am 27. Juni war er ständig in den Medien, aber seither ist der ehemalige Premierminister fast völlig aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. In nur drei Monaten hat sich sein Nachfolger Gordon Brown – der heute seine Rede beim jährlichen Labour-Parteitag halten wird – in Downing Street durchgesetzt. 'Sein guter Start hat viele überrascht', meint Anthony Wells vom Meinungsinstitut YouGov. Die Umfrageergebnisse sind für den britischen Regierungschef in der Tat hervorragend: Zum ersten Mal seit 2006 liegt Labour konstant vor den Konservativen... Auch wenn Brown keinen radikalen politischen Wechsel verkündet hat, so bringt er doch einen neuen Ton in die Politik, indem er geschickt seine Fehler in Vorteile verkehrt. Er gilt als langweilig? Dann antwortet er, er habe Substanz. Er kommuniziert nicht gut? Er entgegnet, er wolle die Medien nicht manipulieren." (24.09.2007)

Berliner Zeitung - Deutschland

Sabine Rennefanz bezweifelt, dass die Begeisterung für Gordon Brown in seiner eigenen Partei ebenso groß ist wie in der Bevölkerung: "In den Umfragen kam Labour vergangene Woche erstmals auf die magische 40-Prozent-Marke und liegt acht Prozent vor den Konservativen. Eigentlich wäre das ein Grund zum Feiern in Bournemouth. Doch nicht jedem in der Labour-Party hat gefallen, dass Lady Margaret Thatcher, eine der Hassfiguren der Partei-Basis, von Brown zum Tee eingeladen wurde. Zweifel gären auch darüber, wie offen der Patriarch wirklich ist. Entgegen den Versprechen von 'mehr Debatte' werden Diskussionen auf dem Parteitag systematisch unterdrückt. Eine Rekordzahl von 130 von der Basis eingereichten Anträgen wurden vom Konferenzkomitee abgelehnt. Zu den gefährlichsten Herausforderern sind Browns einstige Verbündete geworden: Die Gewerkschaften planen Proteste gegen seine Weigerung, ein Referendum über die EU-Verfassung abzuhalten, sowie gegen die Schließung halbstaatlicher Behindertenwerkstätten." (24.09.2007)

REFLEXIONEN

Neue Zürcher Zeitung - Schweiz

Javier Cercas über katalanischen und spanischen Nationalismus

Der katalanische Schriftsteller Javier Cercas wird auf der Frankfurter Buchmesse nicht die Region Katalonien repäsentieren, denn er schreibt - wie andere bekannte Autoren der Region auch - auf spanisch. In einem Gastbeitrag kritisiert er den katalanischen und spanischen Nationalismus. Beide seien "so heuchlerisch, so engstirnig und potenziell gefährlich wie alle Nationalismen. Der spanische, weil er nicht begreift oder nicht begreifen will, dass die katalanische Sprache keine Erfindung der Katalanen zwecks Zersetzung der spanischen Einheit ist, sondern für das ganze Land eine Bereicherung, die des Schutzes und der Förderung bedarf, weil sie sonst verschwinden wird; der katalanische, weil er nicht begreift oder nicht begreifen will, dass umgekehrt Katalonien durch die spanische Sprache bereichert wird, wurde diese von Spanien doch offenkundig nicht erfunden, um das Katalanische zugrunde zu richten. Und vielleicht hat català, das ja nicht das Privateigentum einiger fanatischer Nationalisten ist, gerade im Windschatten der Weltsprache Spanisch seine einzige Überlebenschance." (24.09.2007)

The Guardian - Großbritannien

Paul Laverty über Arbeitsmigration in Großbritannien

Paul Laverty hat das Drehbuch zum Film "It's a Free World" von Ken Loach geschrieben, der von Arbeitsmigranten in Großbritannien handelt. Der Autor erzählt von den vielen Einzelschicksalen, von denen er bei den Interviews für sein Drehbuch erfahren hat: "Der Familie des Mannes, der Logos auf Pappkartons stempeln musste und nach unzähligen Doppelschichten an Erschöpfung starb, oder den Blumenpflückern, die nach den 'Abzügen' für Unterbringung, Essen und Fahrtkosten mehr Schulden gemacht als Geld verdient hatten, wird die unerträgliche Leichtigkeit unserer Geschichte womöglich nicht gefallen... Nachdem ich diese Geschichten gehört hatte, schien es auf einmal, als hätten sich all die Gesetze für Gesundheit und Arbeitsschutz in einer Rauchwolke aufgelöst, zusammen mit allen gewerkschaftlichen Errungenschaften aus den letzten 150 Jahren. Diese Arbeiter kannten keinerlei Arbeitsschutzvorschriften. Aber die Regierung wird auf die vielen Gesetze hinweisen, die sie erlassen hat." (24.09.2007)

POLITIK

Evenimentul Zilei - Rumänien

Das Europäische Parlament als politisches Exil

Der Termin für die ersten Europa-Wahlen Rumäniens am 25. November 2007 nähert sich, doch es scheint schwer zu sein, Kandidaten für die Wahllisten zu finden, wundert sich Tudor Flueras: "Viele Politiker haben sich geweigert zu kandidieren. Sie benutzten alle möglichen Ausflüchte, um sich zu drücken. Andere wurden zwangsweise auf die Liste gesetzt, quasi als Strafe für begangene Fehler. Es scheint, dass das Europäische Parlament zu einem Exil geworden ist, in das unbequeme oder unangepasste Politiker geschickt werden. Soweit ich weiß, hat keine einzige Partei deutlich gemacht, wie wichtig diese Wahl ist... Zehn Jahre lang haben wir uns bemüht, der EU beizutreten, und jetzt, da wir drin sind, zeigen wir uns absolut desinteressiert an ihren Institutionen." (24.09.2007)

Sega - Bulgarien

EU-Monitoring in Bulgarien gescheitert?

In Bulgarien wird debattiert, wie lange eine Beobachtung des Landes durch die EU noch angemessen ist. Svetoslaw Tersiew findet diese Diskussion sinnlos, denn das EU-Monitoring habe ohnehin nicht zu einem Rückgang der Korruption im Lande geführt. "Seit über einem halben Jahr macht Bulgarien angeblich Fortschritte in der Kriminalitäts- und Korruptionsbekämpfung, und die Kommission tut so, als ob sie diesen Prozess streng verfolge. Dieses Spiel kann - im längsten Fall - noch drei Jahre so weitergehen, aber es steht schon jetzt fest, dass weder die großen Kriminellen noch die korrupten Funktionäre in den oberen Etagen noch der Staat Probleme damit haben werden. Wann dem Monitoring ein Ende gesetzt wird - ob sofort, im nächsten Jahr oder 2009 -, ist reine Formalität. Brüssel hat den Bulgaren ihre letzte Hoffnung geraubt, dass eine Rettung vor der Mafia von außen kommen könnte." (24.09.2007)

Corriere della Sera - Italien

Afghanistan-Mission beunruhigt die Italiener

Sergio Romano kommentiert die Entführung zweier italienischer Soldaten in Afghanistan, die zwei Tage später wieder freigelassen wurden. "Der Krieg in Afghanistan gefällt der europäischen Öffentlichkeit nicht. Das gilt insbesondere für Italien, das 2500 Soldaten dort hat, die beim Wiederaufbau des Landes helfen, ohne an Kampfhandlungen teilzunehmen, und deswegen dem fortgesetztem Druck der Amerikaner ausgesetzt sind... Diese Episode zeigt deutlich die Bedrängnis der Regierungskoalition, die in der Afghanistan-Frage gespalten ist. Es wäre eine gute Gelegenheit für die Opposition, mit ihrem Routinegeschäft aufzuhören und der Regierung zu helfen, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Was in Kabul auf dem Spiel steht, betrifft das ganze Land und gefährdet seine internationale Glaubwürdigkeit." (24.09.2007)

Times of Malta - Malta

Umstrittener Unabhängkeitstag in Malta

Lino Spiteri denkt über den maltesischen Unabhängigkeitstag nach, der am 21. September gefeiert wird: "Bei uns ist der Unabhängigkeitstag ein Synonym für Spaltung und Parteizugehörigkeit. Als der nationalistische Politiker George Borg Olivier Malta 1964 in die Unabhängigkeit führte, lautete die erste Reaktion seines Kontrahenten, Oppositionsführer Dom Mintoff, der Tag sei deshalb bedeutend, weil die Menschen nun für sich selbst entscheiden könnten. Nicht lange danach zog diese einzige positive Bemerkung den Zorn der Sozialdemokraten auf sich. Maltas Unabhängigkeit war nicht echt, da die Insel über ein Verteidigungsabkommen an Großbritannien gebunden blieb. So konnte die frühere Kolonialmacht eine voll funktionstüchtige Militärbasis auf der Insel behalten. Von Anfang an wurde der Unabhängigkeitstag also nur von den Nationalisten begangen. Sie tun dies so sehr im Sinne ihrer Partei wie irgendmöglich. Das Programm für die 'Feiern' in diesem Jahr war da keine Ausnahme." (23.09.2007)

La Vanguardia - Spanien

Fanatischer Separatismus in Katalonien

Mehrere hundert katalanische Nationalisten haben am Samstag in Gerona Porträts des spanischen Königs Juan Carlos verbrannt, um ihre Unterstützung für einen jungen Katalanen zu demonstrieren, der ebenfalls ein Bild des Königs aus Protest verbrannt hatte und nun der Herabsetzung des Königshauses beschuldigt wird. Die Zeitung kommentiert: "Demonstrationen fanatischer Separatisten nehmen zu und vergiften die Beziehungen zwischen Katalonien und dem Rest Spaniens... In diesem dumpfen Unabhängigkeitsstreben wird gewöhnlich vom spanischen Staat mit großer Geste die volle Anerkennung des Pluralismus gefordert - gleichzeitig ist man aber unfähig, die besondere Vielfältigkeit der katalanischen Gesellschaft anzuerkennen, geschweige denn zu respektieren... Es ist offensichtlich, dass dieser lautstarke und anmaßende Separatismus zu Vorurteilen gegenüber dem Anliegen der Katalanen führt und dass selbst die Katalanen ihm misstrauen." (24.09.2007)

Expressen - Schweden

Schwedens Langzeitkranke sollen gesunden

Schwedens Finanzminister Anders Borg hat strengere Kontrollen der Arbeitsfähigkeit von Langzeitkranken angekündigt. Für Arbeitnehmer will die Regierung darüber hinaus die Möglichkeit beschränken, jahrelang halbtags zu arbeiten und nebenher Arbeitslosengeld zu beziehen. Die Zeitung kommentiert: "Niemand wird in der Gosse landen, aber das Leben dürfte härter werden. Dennoch zielt die Politik der Regierung darauf ab, mehr Jobs zu schaffen... sowie Menschen im Abseits Rehabilitierung und subventionierte Arbeitsplätze anzubieten. Es geht darum, ein System umzubauen, in dem 1,5 Millionen Menschen im arbeitsfähigen Alter außerhalb des Arbeitsmarktes standen, als die Sozialdemokraten die Macht abgaben... Der von Finanzminister Borg präsentierte Haushalt... ist der mutigste und verantwortungsbewussteste, den eine bürgerliche Regierung je vorgelegt hat." (22.09.2007)

Postimees - Estland

Ruhiger Jahrestag in Tallinn

Der 22. September - Jahrestag der Besetzung Tallinns durch die Rote Armee 1944 - ist dieses Mal ohne größere Zwischenfälle verlaufen. Die estnische Zeitung ist nach den Krawallen vom April 2007 um die Bronzestatue erleichtert: "Das zeigt, dass die Argumente der Regierung für eine notwendige Versetzung der Bronzestatue berechtigt waren. Es hieß, das Denkmal passe nicht auf den Tõnismägi, sondern gehöre auf einen Soldatenfriedhof, damit unerwünschte Demonstrationen nicht mehr in der Innenstadt stattfänden. Und so kam es vorgestern auch: Die Veteranen der Roten Armee und die russische Botschaft legten ihre Blumen auf dem Friedhof ab und im Zentrum blieb alles friedlich." (24.09.2007)

KULTUR

Libération - Frankreich

Marcel Marceau ist tot

Am Samstag, den 22. September ist der französische Pantomime Marcel Marceau im Alter von 84 Jahren in Paris gestorben. "1947 hat er die Figur des Bip erfunden – eine Hommage an Pip, den jugendlichen Helden aus Charles Dickens Roman 'Große Erwartungen' . Bip trat mit seinem weißen, maskenhaften Gesicht, dem gestreiften Oberteil, der weißen Hose, seinem Clownsmund und seinen Clownsaugen, halb ein Pierrot und halb Charlie Chaplin, eine sechzigjährige Siegestour um die Welt an... Wie lässt sich die weltweite Schwärmerei für ihn erklären? In Japan, wo er zu den 'lebenden Schätzen' zählte, glaubte man, er sei 'von den Phantomen umringt, die man durch ihn sieht'. Abgesehen davon, dass Schweigen und Gestik universell verständlich sind, beinhalten die mimischen Dramen des Bip einen ganzen Katalog an Gefühlen und Situationen, die wie ein Spiegel funktionieren. Es ist kein Zufall, dass der Mime Marceau einer der ersten Weltfernsehstars wurde. Er war wie geschaffen für das Schwarz-Weiß-Fernsehen, seine Figur verschaffte jedermann ein Spiegelbild, bei dem das Mitgefühl über die Grausamkeit siegt." (24.09.2007)

LOKALE FARBEN

Cotidianul - Rumänien

Das moderne Leben verhunzt Rumäniens Architektur

Daniel Vighi ist empört über den respektlosen Umgang mit alten Gebäuden in Rumänien, der ihn an die Geschichtsvergessenheit der Ceaucescu-Ära erinnert: "An den Gebäuden kleben Thermopen-Fenster zwischen alten Ornamenten, Klimaanlagen verunstalten Jugendstilfassaden. Die schönen geschnitzten Holztore in den siebenbürgischen Festungsdörfern sind glorreich durchlöchert von gelben Eon-Gasleitungen – mitten durch Rosetten oder Holzgirlanden, die so unwiderbringlich verloren sind. Wir zerstören unsere Vergangenheit und merken es nicht. An vielen Orten wurde einzigartige Architektur abgerissen, um Scheußlichkeiten - Hypermarket genannt - Platz zu machen. Diese Mörder unserer Geschichte sind auch noch stolz darauf, Gebäude, Tore, Fenster, alte Plätze und Innenhöfe platt zu machen. Deren Poesie aber kann niemals wieder zum Leben erweckt werden." (24.09.2007)

International Herald Tribune - Frankreich

Frankreich auf Pilzjagd

"Mein Apotheker in Le Mesnil-le-Roi bei Paris dekoriert gerade sein Saison-Schaufenster mit Pilzen aus den umliegenden Wäldern. Fast jede Apotheke auf dem französischen Land hat traditionell mindestens einen Angestellten, der den Städtern hilft, giftige Pilze von den essbaren zu unterscheiden", berichtet Brian Van der Horst und geht selbst auf Pilzjagd. "Es ist ein wunderbarer Morgen in Le Mesnil-le-Roi. In diesem Teil des Waldes bieten die Pilze ein wahres Farbschauspiel: rote Maronen, violette Schleierlinge, die weißen Knollen der Boviste, leuchtend orange Vorhänge von Baumpilzen auf Baumstümpfen. Es ist unser Glück, dass Maronen so gut getarnt sind. Denn so müssen wir unseren Blick weiten und unseren Geist entspannen, um nach den Hüten Ausschau zu halten, die aus dem Boden auftauchen, wenn das Sonnenlicht in den wirbelnden Blättern des goldenen Herbst tanzt. Keine Frage, für die Franzosen ist das ein religiöses Erlebnis." (22.09.2007)

 

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