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Archiv / Magazin / Geschichte / Prag 1968 / Interview | 20.08.2008

"Das Experiment endete langsam und traurig"


Rudi Dutschke in Prag, ziviler Ungehorsam, Massenemigration: Der tschechische Historiker und Reformer Jan Kren erzählt, was die Tschechoslowakei im Frühling und Herbst 1968 bewegte.


euro|topics: Am 5. April 1968 stellte Alexander Dubček, der Erste Sekretär der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei, ein Aktionsprogramm vor. Das Ziel: gesellschaftlicher, aber nicht politischer Pluralismus. Sie waren damals Hochschullehrer an der Prager Parteihochschule. Warum haben Sie an den "Sozialismus mit menschlichen Antlitz" geglaubt?

Es war das umfassendste Reformprogramm im kommunistischen Lager. Darin wurde etwa nicht nur die Rehabilitierung verurteilter Kommunisten gefordert, sondern auch die der Nichtkommunisten. Außerdem wurde an deren Entschädigung gedacht.

Jan Kren wurde 1930 in Prag geboren. Von 1969 bis 1990 hatte er Berufsverbot und arbeitete bei den Prager Wasserwerken. Derzeit unterrichtet er mitteleuropäische Geschichte an der Prager Karlsuniversität.

Foto: Barbara Breuer


Der ursprüngliche Vorschlag war ein schnell umzusetzendes, kurzes Programm. Die langwierigen Verhandlungen mit etwa 100 Beteiligten der Reformkommission waren der erste große Fehler. Erst nach zwei Monaten wurde das Programm veröffentlicht. Alles, was es enthielt, war zu diesem Zeitpunkt bereits öffentlich debattiert worden. So haben die Reformer an Initiative eingebüßt.

euro|topics: Wurde der "Prager Frühling" von den 68er-Bewegungen im Westen inspiriert?

Ja, die westliche Bewegung hat sich in der Tschechoslowakei sehr stark widergespiegelt. Es gab verwandte Reaktionen gegen das Establishment – ob gegen das westliche oder das bolschewistische. Es gibt sogar eine wissenschaftliche Arbeit, die den Besuch – wenn ich mich recht erinnere – Daniel Cohn-Bendits und Rudi Dutschkes bei Prager Studenten untersucht. Der große Unterschied bestand darin, dass die Tschechen nicht an revolutionäre Ideale glaubten. Die westlichen Studenten empfanden die tschechischen Studenten daher eben "nur" als Reformer, während sie wiederum von den Tschechen ein bisschen als verrückte Radikale betrachtet wurden.

euro|topics: Schon in den Jahren 1963 bis 1967 gab es Lockerungen...

Ja, vor allem deshalb, weil die gespaltene Partei nicht mehr in der Lage war, die Gesellschaft zu dirigieren. Kulturschaffende schauen gerne auf diese für sie herrliche Zeit zurück, die sich im regen tschechoslowakischen Filmschaffen oder in der aufblühenden Literatur manifestiert hat.

euro|topics: Im Februar 1968 hatte Dubček die Zensur aufgehoben. Wie nahmen die Menschen die Liberalisierung auf?

Interessant an der Stimmung im Land war, dass sie sich Woche für Woche in unterschiedlichen Aktivitäten entlud. So haben sich inoffizielle Bürgerforen gebildet wie der "Klub der Parteilosen" oder eine Organisation der Menschen, die in den 1950er Jahren verfolgt und inhaftiert wurden. Es gab eine Plattform für die Erneuerung der Sozialdemokratie. Diese Aktivitäten begannen langsam, den Rahmen der Reformen "von oben" zu überschreiten.

euro|topics: War das Drängen nach Reformen auf Prag begrenzt?

Nein, im Sommer 1968 hat sich die Provinz der Hauptstadt angenähert. Charakteristisch dafür waren die Kreisparteitage der Kommunistischen Partei, die fast ausnahmslos damit endeten, dass die Reformbefürworter ins Amt gehoben wurden.

euro|topics: In der Nacht zum 21. August 1968 marschierten Truppen der Sowjetunion, Polens, Ungarns und Bulgariens in die Tschechoslowakei ein. Sie hatten als Kind den Einmarsch der Nazis in Prag erlebt. War das für Sie ein Déja-vu?

Natürlich war das ein Schock. Die Tschechoslowaken sahen in den Sowjets nach 1945 immer noch die Befreier. Und auf einmal besetzte der Befreier ihr Land. Daran zerbrach die Sympathie für die Russen. Und kaum einer glaubte mehr, das System sei reformierbar.

euro|topics: Nach dem Einmarsch sollten die führenden Reformer die "Moskauer Protokolle" unterzeichnen, die das Ende der Reformen und die Zustimmung zur Stationierung der Sowjettruppen forderten. Alle, bis auf Frantisek Kriegel, Chef der Nationalen Front, haben unterschrieben. Ein Fehler?

Bestimmt, zumal sie sich so in eine defensive Position begeben haben. Andererseits waren sie als sowjetische Gefangene nicht unabhängig. Ich glaube aber, den entscheidenden Umschwung hat die Tatsache eingeleitet, dass in den Protokollen kein Termin für den Abzug der Besatzer stand, was die Hauptforderung der tschechoslowakischen Öffentlichkeit war.

euro|topics: Obwohl die Regierung dazu aufgerufen hatte, keinen militärischen Widerstand zu leisten, wehrte sich das Volk. Wie viele Opfer zählt der "Prager Frühling" wirklich?

Die meisten waren junge Demonstranten, auf die die Sowjets einfach geschossen haben. Gestorben sind etwa einhundert. Alle Opfer sind inzwischen bekannt und es wird ihrer gedacht.

euro|topics: In den ersten Wochen der Besatzung haben Tschechen und Slowaken versucht, die Russen durch zivilen Ungehorsam zu verwirren. Können Sie dafür Beispiele nennen?

Der Widerstand der Bevölkerung war kolossal. Er zog sich vom letzten slowakischen Dorf bis nach Prag. Die Menschen hängten Wegweiser falsch herum auf und beklebten die Versorgungsrationen russischer Truppen mit Plakaten, auf denen stand: "Lenin erwache, Breschnew ist verrückt geworden." Dieser zivile Widerstand neutralisierte diese riesige Armee fast ein Jahr lang. Die Sowjets mussten erst Kollaborateure finden, dann konnten sie diese Bewegung gewaltsam niederschlagen. Das ganze Experiment endete langsam und traurig im August 1969. Zum ersten Jahrestag des russischen Einmarsches war die Zahl der Demonstranten genau so groß wie die Zahl derer, die Proteste verhindern sollten. Die Unterdrückung des Widerstandes war also "hausgemacht".

euro|topics: Sie selbst mussten 1969 ihren Posten als Hochschullehrer räumen. Wie haben Sie sich damit arrangiert?

Die folgenden 20 Jahre habe ich als Pumpenwärter bei den Prager Wasserwerken verbracht. Ich habe in einer Abteilung gearbeitet, in der 32 Leute beschäftigt waren – darunter sieben Unterzeichner der Charta 77. Das gab uns die Möglichkeit, fachlich miteinander zu diskutieren und uns gegenseitig zu unterstützen. Es war für uns die Zeit der größten inneren Freiheit.

euro|topics: Nach dem "Prager Frühling" sind bis zu 100.000 Tschechen und Slowaken emigriert. Warum sind Sie geblieben?

Für mich kam nicht in Frage, meine Heimat und meine Familie zu verlassen. Und außerdem haben wir uns damals nicht vorstellen können, dass die Besatzung 20 Jahre dauern wird.

euro|topics: Die Re-Sowjetisierung wird in Tschechien zynisch als "Normalisierung" bezeichnet...

Das war der Terminus des Regimes, den die Geschichtswissenschaft ironisch übernommen hat. Damals war nichts normal. Nach dem Einmarsch gab es etwas, das man nicht anders als "soziale Massendeportation" bezeichnen kann. Eine halbe Million Menschen wurde nicht nur aus der Partei ausgeschlossen, sondern auch der Möglichkeit beraubt, jedwede intellektuelle Tätigkeit auszuüben. Und so hat die Tschechoslowakei die gesamte Revolution der Informationstechnologie und andere wichtige Entwicklungen der 1970er und 1980er Jahre komplett verpasst.

euro|topics: Wie wird der "Prager Frühling" heute, 40 Jahre später, in Tschechien interpretiert?

Das mediale Echo ist ziemlich negativ. Die politische Rechte deutet die Bewegung nur als einen Streit der obersten Kommunisten untereinander. In den letzten Jahren hat sich diese Sicht aber etwas erweitert, weil man erkannt hat, dass es auch einen demokratischen Zusammenhalt in der Gesellschaft gab, der reale Auswirkungen auf das künstlerische und wissenschaftliche Arbeiten hatte.

Das Interview führte Barbara Breuer, n-ost-Korrespondentin in Prag.

 

Original in Tschechisch

Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

Der Text ist lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

 

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