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Archiv / Magazin / Gesellschaft / Schule in Europa / Hintergrund | 19.12.2007

Die Pisa-Story

von Kerstin Martens, Stephan Leibfried


Es wird viel gestritten darüber, ob Bildung messbar, ob sie vergleichbar ist. Aber die Frage der Vergleichbarkeit verschwindet hinter der Wucht der Vergleiche: Kaum ein Staat kann sich heute PISA entziehen.


Alle 3 Jahre wieder beschert uns kurz vor Weihnachten die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, besser bekannt unter ihrem Akronym ‚OECD' die PISA Studie. PISA – das steht für Programme of International Student Assessment, und ist inzwischen wohl ebenso bekannt wie die gleichnamige Stadt in Italien, zumindest in Deutschland.

Foto: Photocase


Auch in diesem Jahr war es wieder an der Zeit: am 04.12.2007 wurden weltweit die Ergebnisse dieser international vergleichenden Schulstudie offiziell veröffentlicht, an der insgesamt 57 Länder teilgenommen haben – von den USA bis Indonesien, von Brasilien bis Luxemburg.

Und auch Deutschland war wieder dabei. Und wieder prägt ein schriller Ton um Bildungschancen, Elternhäuser und Migrationshintergrund die Debatte – wenn sie auch diesmal fast schon überlagert wird von methodischen Diskussionen und politischen Forderungen (Sind die verschiedenen Studien wirklich vergleichbar? Ist Deutschland nun besser geworden? Wie konnten Ergebnisse vorzeitig durchsickern? Und wer trägt dafür die Verantwortung?).

Nur eine nahe liegende Frage wird dabei nicht gestellt: Warum gibt es eigentlich PISA? Und wieso koordiniert ausgerechnet die OECD diese Vergleichsmessungen? Schließlich steht das "E" bei OECD nicht für "education"-Bildung, sondern für "economic": Das wichtigste Ziel dieser Organisation ist, eben die wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit ihrer Mitgliedstaaten zu fördern – seit 1948 als sie die Marshall-Plan-Mittel verwaltete.

Für einige ist PISA daher eine kapitalistische Verschwörung der reichen Industrieländer: Endlich soll auch die Bildung dem Markt unterworfen werden. Für Andere ist PISA das Werk eines Egomanen, Andreas Schleicher: Er sei von der Studie besessen, wolle mit dem deutschen Bildungssystem abrechnen oder sogar "politisch was werden" – wie es wohl einige Bildungsminister und –ministerinnen mutmaßen, die nun wiederholt seinen Rücktritt gefordert haben.

Dass die OECD diese Studie heute alle drei Jahre durchführt, beruht aber nur auf mehreren Zufällen und einer bemerkenswerten Koalition über nationale, transatlantische Gegensätze hinweg. Hinter der Geschichte von PISA verbirgt sich keine Verschwörung, sondern ein Lehrstück über die Entgrenzung nationaler Politik. In diesem Fall im Politikfeldes Bildung.

Bereits 1964 – noch in der Zeit der Planungseuphorie – beauftragten die Mitgliedstaaten die OECD, nationale Bildungsstatistiken zu sammeln und Indikatoren zu bilden: Ausmaß und Art von Schülern und Studierenden im ganzen Bildungssystem sollten vorhersagbar werden. Man wollte mit mathematischen Modellen die Kosten der zu erwartenden Bildungsexpansion, insbesondere im Hochschulbereich, beherrschen. Doch die Qualität war schlecht, die Daten lückenhaft, manche fehlerhaft und nicht über Länder hinweg vergleichbar – das Projekt wurde eingestellt.

Erst 1981 wurde das Thema Bildungsindikatoren wieder zurück in die OECD gespielt. Damals hatte die US-Regierung eine Studie zum amerikanischen Bildungswesen bei einer US-Kommission in Auftrag gegeben. Das Ergebnis war verheerend. In A Nation at Risk: Imperatives for Educational Reform zeigte sich 1983, dass das amerikanische Bildungswesen miserabel war. 23 Millionen Erwachsene und 17 Prozent der Jugendlichen waren Analphabeten. Das entsprach in der Hochzeit des Kalten Krieges einer einseitigen US-Abrüstung und galt als nationales "Sicherheitsrisiko".

Präsident Reagan war besorgt. Er erklärte die Schulreform zu seiner vorrangigen Aufgabe. Die Bildungspolitik ist aber in den USA, wie in Deutschland, keine Bundeszuständigkeit. Die Länder wachen mit Argusaugen über ihren Einfluss. Die USA wandten sich nun an die OECD: Sie solle international vergleichbare Bildungsstatistiken erstellen und die Bildungslage in der industrialisierten Welt ermitteln. Durch ein "Hinauf"schieben der Auseinandersetzung in die internationale Politik wollte die US-Regierung das Bildungssystem in den USA – als Außenpolitik, dem Vorrecht des Präsidenten – zur Bundessache machen und so das Gewicht der Bundesregierung gegenüber den Einzelstaaten erhöhen.

Die OECD war nicht begeistert. Sie wollte keine international vergleichbaren Indikatoren erstellen und dazu Daten erheben. Für die Mitarbeiter der OECD-Bildungsab¬teilung war Bildungspolitik Kultur: Das ließ sich nicht in Zahlen, Vergleichstabellen pressen. Aber der politische Druck der USA war zu stark. Bei einer Konferenz in Washington 1987 war das Signal: "Wenn ihr weiter mauert, ziehen wir uns aus dem OECD-Bildungsprogramm zurück." 1984 waren die USA schon aus der UNESCO ausgetreten. Die Drohung war Ernst zu nehmen.

Unerwartete Schützenhilfe bekam die USA aus Frankreich. 1984 scheiterte der sozialistische Sparpremier Mauroy und der ihm nachfolgende "Reform"-Sozialist Fabius betonte die Bildungspolitik: Der neue Bildungsminister Jean-Pierre Chevènement wollte gleiche Bildungs- und Lebenschancen unabhängig von sozialer Herkunft durchsetzen. Bei ihm ging es um ganz andere Reformen als bei Reagan, aber er benötigte das Gleiche: Zahlen zum realen Bildungsstand, hier über französische Schüler und ihre Bildungsarmut, für ihn ein Ergebnis des elitären französischen Bildungssystems.

Strange bedfellows? Eine seltene Konstellation? Wenn wir auf die internationale Politik in Brüssel, Genf und New York blicken, so sind merkwürdige Bettgefährten eher Regel als Ausnahme. Bei so unterschiedlichen Staaten bewegte sich ja andernfalls gar nichts mehr. Da werden entweder, wie meist in der EG, zwischen den großen Interessenten "Paketverhandlungen", wie in den Europäischen Verträgen, geführt und nicht zusammenhängende Dinge auf einen Schlag durchgebracht. Oder die Interessenten erwarten sich ganz andere Wirkungen von ein und derselben Maßnahme – und andere, wie bei PISA die Bundesrepublik, laufen erst einmal mit und warten ab.

Diese ungewöhnliche Koalition von US-Republikanern mit der französischen Linken führte Mitte der 1980er Jahre direkt zu den neuen Bildungserhebungen der OECD. Jetzt fehlte nur noch eines: Expertise, um ein empirisches Vorhaben dieses Umfangs überhaupt durchzuführen. Die Bildungsabteilung war damals klein, ein Dutzend Mitarbeiter. Keiner wollte die neuen Indikatoren angehen. Ein Schweizer, ein Philosoph, schulterte schließlich das Projekt. Er hatte keine statistischen Vorkenntnisse und holte sich das nötige Wissen immer von draußen, von Bildungsexperten aus der ganzen Welt. Man baute Netzwerke für einzelne Themen auf und entwickelte dort die nötigen Indikatoren. Neues Personal wurde eingestellt, unter anderem Andreas Schleicher. Er hatte zuvor lange für die International Association for the Evaluation of Educational Achievement gearbeitet und dort in den 90er Jahren erste internationale Vergleichsstudien zu Lesefähigkeit und Mathematikkompetenz mit durchgeführt.

 

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Kerstin Martens
Kerstin Martens ist Professorin für Internationale Beziehungen der Universität Bremen. Sie leitet dort mit Ansgar Weymann im Sonderforschungsbereich "Staatlichkeit im Wandel" das Projekt zur "Internationalisierung ...
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Stephan Leibfried
Stephan Leibfried ist Professor für Politikwissenschaft und Sprecher des Sonderforschungsbereiches.
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Original in Deutsch

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Der Text ist lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

 

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