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Archiv / Magazin / Kultur / Singen! / Interview | 21.05.2008
"Singen ist wieder sexy"
Über das Comeback des Singens, Arbeiterchöre und neue Lebensstile spricht der englische Dirigent Simon Halsey mit eurotopics-Redakteurin Nikola Richter.
euro|topics: Singen die Europäer eigentlich noch?
Gewisse Singformen sind aus der Mode gekommen. Es gibt wahrscheinlich weniger Leute, die jeden Sonntag in der Kirche singen. Chöre, die aus dem Umfeld der Schwerindustrie kamen - Arbeiterchöre in Wales zum Beispiel - sind verschwunden, weil der Kohlebergbau und die Stahlproduktion gen Osten gezogen sind. Einige Länder singen mehr als andere: Im Norden singt man wahrscheinlich öfter als im Süden.

Foto: Matthias Heyde
euro|topics: Wie unterscheiden sich Gesangstraditionen von Land zu Land?
Es gibt eine starke Tradition großer Oratoriums-Chöre in Großbritannien, das gilt in etwas geringerem Maße auch für Deutschland. In Skandinavien und fast in ganz Europa sind Chöre jedoch meist kleine Kammerchöre. Aber gerade tauchen neue Sprösslinge auf: Gospel-Chöre, Jazz-Chöre, Jugendchöre, alte Universitätsfreunde gründen Kammerchöre, um gemeinsam zu singen, vielleicht nicht jeden Donnerstag, aber sie kommen zweimal im Jahr zusammen und verbringen ein langes Wochenende miteinander. Lebensstile haben sich geändert, das hatte Auswirkungen auf das Singen.
euro|topics: Tun die europäischen Regierungen etwas gegen den Rückgang des Singens?
Ja, die englische Regierung steckt beispielsweise zehn Millionen Pfund jährlich in die Initiative Sing up, um das Singen in allen Grundschulen zu fördern. Ich bin 50 Jahre alt: In meiner Kindheit sangen alle Grundschulkinder und alle Lehrer waren in der Lage, Chorgesang zu unterrichten. In den 1960er und 1970er Jahren ist dies aus der Mode gekommen. Und jetzt versuchen wir verzweifelt, die Gesangskultur zurückzugewinnen.
euro|topics: Warum ist Singen heutzutage so wichtig?
Weil in multikulturellen Ländern, wie Deutschland, Holland, Großbritannien, wo der Nachbar möglicherweise woanders herkommt, Musik eine außerordentlich gute Möglichkeit darstellt, zusammenzukommen. Der Rundfunkchor in Berlin ist dabei sehr aktiv, indem er mit der türkischen Gemeinschaft zusammenarbeitet. Unser Chor lernt türkische Musik und türkische Chöre singen mit uns auf anderen Sprachen. Wir gehen in Schulen und in Krankenhäuser. Und wir machen Mitsing-Konzerte, zu denen Amateursänger aus aller Welt zu uns in die Philharmonie kommen.
euro|topics: Der Erfolg von Popstar-Shows und Karaoke-Bars zeigt, dass Singen heute wieder populär ist. Warum?
In Großbritannien gibt es bald einen Chor-Wettbewerb zur besten Sendezeit, am Samstagabend um 19.30 Uhr auf BBC 1: Die Suche nach dem beliebtesten Chor der Nation. Singen ist also plötzlich wieder sexy. Der Vorteil beim Singen ist, dass es nichts kostet. Man braucht nur ein paar Leute, die man in einem Raum versammelt, und schon kann man anfangen. Man braucht keine Instrumente oder Notenständer. Theoretisch kann jeder mitmachen. Wir müssen bei den Kleinkindern anfangen. Wenn Singen eine Zukunft haben soll, dann müssen wir in der Grundschule beginnen.
euro|topics: Werden Sie die Übertragung des Eurovision Song Contest anschauen?
Das ist auch eine kulturelle Angelegenheit. In Großbritannien wird der Wettbewerb von Terry Wogan moderiert, der die Lieder witzig kommentiert. Ja, ich bin absolut sicher, ich werde reinschauen.
Original in Englisch
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