Navigation

 

Archiv / Magazin / Aktuell / Literaturzentrum Europa? / Interview | 15.10.2008

"Eine gemeinsame Kulturschicht"


Ein Interview mit Krzysztof Czyżewski, dem Präsidenten des Netzwerks europäischer Literaturhäuser Halma, über gute europäische Bücher, das Interesse am Unentdeckten und estnische Autoren in Paris.


euro|topics: Haben Sie kürzlich ein wahrhaft europäisches Buch gelesen?

Ja.

euro|topics: Welches denn?

Alle Bücher, die ich von Claudio Magris lese und die vorzüglich aus dem Italienischen ins Polnische übersetzt wurden, sind für mich europäische. Sein Schreiben vertieft sich in lokalen Kontexten, im "Mikrokosmos", so heißt auch eines seiner besten Bücher. Auf der anderen Seite besitzt er eine Gabe, die heute nicht so häufig zu finden ist, davon zu abstrahieren, etwas Universales zu erreichen. Ich fühle, dass ich dieselbe Kultur und Wahrnehmung teile.

Der Dichter, Essayist und Verleger Krzysztof Czyżewski, geboren 1958 in Warschau, ist Präsident der Borderland Foundation in Sejny, Polen, und des Netzwerkes europäischer Literaturhäuser Halma.

Foto: privat


euro|topics: Wie erkennen Sie ein europäisches Buch?

Ein Autor in Polen zu sein, bedeutet, sich mit der Entwicklung der nationalen Kultur und Sprache auseinanderzusetzen. Weil wir von fremden Mächten angegriffen wurden, waren unsere Kultur und Sprache vom Verschwinden bedroht. Die heutige Herausfordung besteht daher darin, nach all diesen Konflikten und Auseinandersetzungen ein neues Europa zu bauen. Dazu brauchen wir die Literatur – aber auf politischer Ebene auch eine Vorstellung davon, was es bedeutet, ein europäischer Bürger zu sein.

euro|topics: Wie wird sich diese Literatur, eine europäisch engagierte, entwickeln?

Es gibt viele ältere Autoren, die nur deshalb noch nicht als europäisch entdeckt wurden, weil sie noch nicht übersetzt oder auf europäischer Ebene vermittelt wurden. Es geht darum, einem estnischen Autor zu Präsenz in Berlin, Paris oder London zu verhelfen.

euro|topics: Ist das nicht ein Wunschtraum? Der Großteil literarischer Übersetzungen in europäische Sprachen kommt aus dem Anglo-amerikanischen (2004 waren es sechzig Prozent), nicht aus dem Estnischen.

Ich selbst bin auch Verleger – neben meinen anderen Tätigkeiten. Mein Verlag hat sich der Veröffentlichung der so genannten mitteleuropäischen Literatur von Estland bis Albanien verschrieben. Nicht alle diese Bücher sind Bestseller – einige von ihnen allerdings schon, etwa die des tschechischen Autors Josef Skvrecky oder des litauischen Autors Tomas Venclova. Denn der polnische Markt für kleinere Sprachen und das, was man fremde Kulturen nennt, wächst.

euro|topics: Warum ist das so?

Kreative Menschen interessieren sich immer weniger für die bisherigen Zentren europäischer Kultur wie Paris oder Rom, die völlig überbevölkert mit Touristen sind, sondern für das Unentdeckte, das unsere Hintern in Richtung neuer Horizonte schiebt.

euro|topics: Kann die Lesung – als Veranstaltungskonzept typisch europäisch – dazu beitragen, Autoren und ihre Leser in ganz Europa zu verbinden?

Eine Lesung zu organisieren, erfordert eine Menge anderer Arbeit, nämlich zunächst die Organisation von Übersetzungen, Reisen und Publikum. Es bedeutet, Autoren die Möglichkeit zu geben, in andere Länder zu reisen und Orte zu besuchen, mit denen sich andere berühmte Autoren verbunden fühlten – etwa das Thomas-Mann-Kulturzentrum im litauischen Nida, das Canetti-Haus in Rousse in Bulgarien, das Grenzland Haus im ostpolnischen Sejny, das sich dem Werk des polnischen Dichters Czesław Miłosz verpflichtet fühlt. Eine Lesung macht Literatur hörbar und öffnet sie für den Dialog. Man könnte sagen, Lesungen zu veranstalten, ist die wichtigste Aufgabe von Halma, dem Netzwerk europäischer literarischer Institutionen. Wir sind Grenzüberschreitungsaktivisten.

euro|topics: Warum wurde dieses Netzwerk gegründet?

Es entstand von unten – als Antwort auf den Wunsch nach Austausch. Zunächst wollten wir die deutsche Leserschaft für Autoren aus dem Osten zu gewinnen. Es folgte der Wunsch der osteuropäischen Partner, stärker mit den westlichen zu kommunizieren. Im 19. Jahrhundert waren das literarische Leben und der europäische Geist von Wien, über Berlin, Czernowitz und Krakau bis Vilnius in literarischen Cafés zu Hause. Wir möchten uns auf diese Tradition beziehen – statt um offizielle Festivals geht es uns um kleine, intime Orte für literarischen Austausch.

euro|topics: Viel Literatur aus Ländern wie Polen, der Tschechischen Republik oder der Ukraine erkundet einen geografischen Raum und ein ortsbezogenes Bewusstsein – eine Art emotionales Erbe.

Wenn wir unsere Wurzeln erforschen, stoßen wir nicht auf ein homogenes Gefühl, weder in Regionen noch in Städten. Weil sie nicht homogen waren, entstanden viele Konflikte. Aber gleichzeitig hat sich in diesem Teil Europas eine gemeinsame Kulturschicht herausgebildet. Die Pflicht für Autoren, wenn ich es so sagen darf, besteht darin, dieses Erbe hervorzuholen und es in einen modernen europäischen Kontext zu stellen.

Interview: Nikola Richter

 

Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

Der Text ist lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

 

Weitere Artikel zu den Themen » EU-Erweiterung, » Literatur, » Kulturpolitik, » Europa, » Osteuropa
Mehr aus der Presseschau zu den Themen » EU-Erweiterung, » Literatur, » Kulturpolitik, » Europa, » Osteuropa


 

Bookmarken bei   del.icio.us    Digg!    YiGG.de    Webnews!    FURL    LinkARENA    Mister Wong    oneview   

Weitere Inhalte

PRESSESCHAU

Top-Thema vom 02.09.2010

Wenig Chancen für Frieden in Nahost

Wenig Chancen für Frieden in Nahost

In Washington beginnen am heutigen Donnerstag die ersten direkten Friedensgespräche zwischen Israelis und Palästinensern seit fast zwei Jahren. Die Erfolgsaussichten der von den USA moderierten Verhandlungen sind eher gering, meint die Presse und bemängelt, dass Europa nicht beteiligt ist.

» zur gesamten Presseschau

NEWSLETTER

Um den kostenlosen Newsletter zu abonnieren oder zu kündigen, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse ein:

PRESSESCHAU-KALENDER

Mo Di Mi Do Fr Sa So
    1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30