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Archiv / Magazin / Aktuell / Barack Obama / Debatte | 03.11.2008
Schwarz oder weiß
von Nikola Richter
Nach dem dritten TV-Duell der beiden US-Präsidentschaftskandidaten Mitte Oktober 2008 waren sich die europäischen Medien sicher: Nur noch der Rassismus oder ein unvorhersehbares Ereignis könnten dem Republikaner John McCain helfen, den Demokraten Barack Obama einzuholen.
US-amerikanische TV-Duelle sind planbar. Die letzte Fernsehdebatte der beiden US-Präsidentschaftskandidaten am 16. Oktober folgte einem Schema: Jedes Thema bekam neun Minuten, jeder Teilnehmer hatte im Wechsel zwei Minuten Redezeit pro Aussage. Das Publikum saß den Redenden im Rücken und musste schweigen. Fast scheint es so, als sei auch die Debatte in der europäischen Presse planbar. Die Obamania, die seit Beginn des Wahlkampfes dominiert, ist einer eindeutigen Prognose gewichen: Obama wird es schaffen, McCain nicht.

Die belgische Tageszeitung Le Soir jubelte schon am 21. Oktober förmlich über den abzusehenden Wahlausgang und stimmte in die "Change"-Rufe der Obama-Kampagne ein: "Ein schwarzer Präsident an der Spitze der amerikanischen Großmacht ist nicht mehr undenkbar. ... Der Mann verfügt über ein beeindruckendes Kampagnenbudget ..., 650 Millionen Dollar insgesamt, mehr als die Ausgaben von [den beiden Präsidentschaftskandidaten George W.] Bush und [John] Kerry im Jahr 2004 zusammen! ... Doch ist alles wirklich schon entschieden? Noch nicht. Obama oder McCain? Diese Entscheidung geht uns an. Die ganze Welt – besonders die Belgier und die Europäer – haben sich für das Charisma Obamas entschieden. Um dem Dialog, dem Multikulturalismus und dem Kampf gegen den Klimawandel ein Gesicht zu verleihen. Für den Wandel!"
Auch die Tageszeitung The Irish Times war sich am 20. Oktober sicher, dass Obama eigentlich nicht mehr verlieren kann. "Er hat verdientermaßen die zentralen Argumente auf seiner Seite: Politik, Temperament und Führungskraft." Die letzte der drei Fernsehdebatten habe nichts an der grundlegenden Dynamik des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs geändert, befand auch die Süddeutsche Zeitung am 17. Oktober. "Wenn nicht noch Unvorhergesehenes passiert – ein unbegreiflicher Fehler des Kandidaten, ein Terroranschlag, die wundersame Erholung der Wirtschaft über Nacht – stehen die USA vor der Zeitenwende: Die Amerikaner werden der Welt beweisen, dass ihr Land noch immer die Kraft zur Selbsterneuerung hat, auch oder gerade in der Krise."
Warum ist Obama so erfolgreich?
Der Erfolg Obamas speist sich aus vielen Quellen. Auch hier hat die europäische Presse Antworten parat: Die spanische Zeitung El Correo lobte am 30. Okober den Einsatz neuer Medienangebote wie Youtube und von Online-Netzwerken wie Facebook für Obamas Wahlkampf.
Häufig wird die herausragende Rhetorik Obamas gepriesen. Er sei ein Jahrhundertpolitiker und trete in die Fußstapfen schwarzer Bürgerrechtler, heißt es. Die Neue Zürcher Zeitung erklärte schon am 17. Februar in ihrer Sonntagsausgabe: "Die Kombination erhebender Rhetorik und nüchterner Fakten ist auch auf der inhaltlichen Seite bei Obamas Kampagnen zu finden. Obama zeichnet sich bei allen Auftritten durch eine intellektuelle Offenheit, gepaart mit einer Lust an Details aus." Nicht erst seit seiner Rede an der Berliner Siegessäule am 24. Juli, in der sich Obama auf einen stärkeren transatlantischen Dialog einschwor, hat Obama die Herzen der Europäer dadurch gewonnen, dass er dem gewachsenen internationalen Einfluss Europas Rechnung trägt, den alten Kontinent ernst nimmt. Dazu meinte Willem Post am 24. Oktober in der niederländischen Tageszeitung De Volkskrant: "Dass sich Obama nun ausgerechnet mit diesem Erdteil schmückt, hat mit dem veränderten Europabild der USA zu tun. In den vergangenen Jahren ist Amerika in Afghanistan und im Irak an seine Grenzen gestoßen, aber auch bei anderen internationalen Fragen, wie dem israelisch-palästinensische Problem und der Uran-Konfrontation mit dem Iran. ... Amerika braucht seine alten Nato-Bundesgenossen wieder, mit denen es Interessen und Werte teilt."
Warum versagt McCain?
McCain hingegen versagt für die europäische Presse auf ganzer Linie. Seine Strategie in Bezug auf die Finanzkrise sei verwirrend, argumentierte etwa die spanische Zeitung Público am 20. Oktober; McCain habe nicht auf Erfahrungen gesetzt, sondern panisch seinen Wahlkampf unterbrochen. In der Financial Times argumentiert Clive Crook, dass McCain die politische Mitte nicht gewinnen kann.
Doch genau dies, sein Konservatismus, könnte auch ein letzter Vorteil sein, erkannte Dietmar Ostermann, der in der Frankfurter Rundschau am 27. Oktober den Rechtsruck McCains analysierte. "Eine große Mehrheit der US-Bürger lebt heute in Metropolregionen und nicht etwa auf dem Land. Dort, in den endlosen Vorstadtsiedlungen der 'Exburbs' und 'Suburbs' wird die Wahl auch diesmal entschieden. Hier ziehen die romantischen Pioniermythen nicht mehr. Dieses Amerika ist bunter, vielschichtiger, pragmatischer, toleranter. Die Menschen der Metropolregionen wollen sichere Jobs, bessere Schulen, erschwinglichen Gesundheitsschutz. Sie sind konservativ oder liberal, aber sie wollen nicht, dass das Land gespalten wird in 'echte' oder 'falsche' Patrioten. McCain aber setzt ganz auf die alten Rezepte, auf Polarisierung, auf Lagerwahlkampf." Und genau diese Polarisierung, das klare Profil, könnte ihm am Ende bei traditionellen Wählern zum Erfolg verhelfen.
Die Wirtschaftszeitung Financial Times sah am 17. Oktober dagegen kaum noch Chancen für McCain. Er habe weder die Finanzkrise politisch genutzt noch jemals "mit Selbstvertrauen über ökonomische Themen gesprochen ... Unter wachsendem Druck vertraut seine Kampagne immer mehr auf unsympathische, übellaunige Angriffe auf Obama. Das schmeckt nach Verzweiflung. Das eigenartige Resultat ist, dass man dem jungen, ungeprüften, unerfahrenen Kandidaten in dieser Wahl eher zutraut, mit den nächsten schwierigen Jahren umzugehen, als seinem wohl bekannten, bisher beliebten und im Kampf gestählten Rivalen."
Powell für Obama
Dass selbst der ehemalige republikanische US-Außenminister Colin Powell sich nun für Barack Obama einsetzt, gibt den Demokraten den letzten Trumpf in die Hand, kommentierte Stefan Cornelius am 20. Oktober in der Süddeutschen Zeitung. "Der General und Außenpolitiker ist für viele Amerikaner trotz seiner unrühmlichen Rolle bei der Vorbereitung des zweiten Irak-Krieges die Inkarnation der Glaubwürdigkeit. Wenn Powell sagt, man könne Obama wählen, dann werden viele unschlüssige Wähler aus der politischen Mitte Obama wählen." Auch die Stockholmer Abendzeitung Aftonbladet stellte am 20. Oktober fest: "Durch seine Entscheidung nimmt Powell endgültig Abstand von dem Weg, den die USA unter Bush eingeschlagen haben. Jetzt wird es noch schwieriger, vor Obamas mangelnden außenpolitischen Vorzügen zu warnen." Mit so vielen Assen im Obama-Ärmel kann "nur noch ein Wunder McCain retten", meinte auch das polnische Wochenmagazin Fakt am 21. Oktober lakonisch.
Einfluss des Rassismus
Ein solches Wunder könnte sein, dass eine christlich geprägte amerikanische Bevölkerung mit ihren traditionellen Werten nicht für einen Schwarzen stimmt. Die liberale britische Tageszeitung The Independent verkündete am 17. Oktober: "Obama würde Geschichte schreiben, wenn er gewinnt. Aber seine Hautfarbe ist ein völlig unbekannter Wahlfaktor. Viele schätzen, dass die meisten Wähler nicht zugeben, in welchem Maße diese Frage ihre Meinung beeinflussen wird."
Rassistisches Gedankengut spielte auch in dem Plan US-amerikanischer Neonazis eine Rolle, der gegen Obama, Sohn eines kenianischen Vaters, gerichtet war. Sie wollten an einer überwiegend von Schwarzen besuchten Schule in Tennessee ein Massaker anrichten und anschließend auf den demokratischen Kandidaten schießen.
Die italienische Tageszeitung La Repubblica setzte am 28. Oktober den vereitelten Plan in den Kontext anderer politischer Attentate in den USA, die seit jeher eine entscheidende Rolle in der Bürgerrechtsbewegung und ihrer Unterdrückung gespielt hätten – von Abraham Lincoln bis zu Martin Luther King. Der britische Publizist Timothy Garton Ash analysierte am 8. Oktober in der spanischen Tageszeitung El País den amerikanischen Kulturkampf, den er als Kampf der Werte (nicht der Hautfarben) definierte: "Der republikanische US-Präsidentschaftskandidat McCain, der die Niederlage an allen Fronten – vom Irak bis zur Wirtschaft – eingesteht, greift die kulturelle Andersartigkeit als letzte Waffe gegen Obama auf: mit Sarah Palin, der Katyusha-Rakete des roten [republikanischen] Amerikas. ... Für die Welt ist es wichtig, dass die USA ihren kulturellen Bürgerkrieg so schnell wie möglich beendet. Kulturelle und ethische Fragen gehören in den Privatbereich. Die Regierung hat nur die Aufgabe, einen liberalen Kontext zu schaffen, in dem Männer und Frauen frei über ihre privaten Dinge entscheiden können." Wenn Amerika es schaffe, einen Schwarzen zu wählen, so Gad Lerner in derselben Zeitung am 30. Oktober, würde die Welt eine Lektion lernen: Das wäre das "Ende des rassistischen Gedankenguts".

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