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Archiv / Magazin / Politik / Festung Europa / Analyse | 27.08.2007

Flüchtige Staatsbürgerschaft. Utopie der Freiheit oder Realität der Unterwerfung?

von Ivaylo Ditchev


Etwa zwei Millionen der insgesamt sieben Millionen Einwohner Bulgariens sind ständig unterwegs – weil sie im Ausland arbeiten, zurückkommen oder wieder ausreisen. Die Tendenz zur Überwindung aller sozio-politischen Grenzen offenbart sich am deutlichsten im Internet und seinem utopischen Horizont absoluter Mobilität. Aber ist der Preis für diese Utopie der Verlust des Gemeinsinns?


Mobilität als Ausflucht

Die Utopie von Kosmopolitanismus, Multikulturalismus und Mobilität, die mit der Liberalisierung und dem anschließenden Zerfall des kommunistischen Sowjetblocks in den achtziger Jahren einherging, legitimierte die Zerstörung der Institution Staat in großem Maße.

Mobilität lässt Grenzen scheinbar
verschwinden.
Foto: Photocase


Dennoch waren die Energien, die diesen Prozess vorantrieben, alles andere als eindeutig: Die Bürger des Sowjetblocks hatten einerseits den Wunsch, die Lebensbedingungen vor Ort zu verändern und eine bessere Gesellschaft zu schaffen, andererseits spürten viele das Verlangen, auszureisen und das eigene Leben auf einen Schlag zu ändern. Um diese Ambiguität zu beschreiben, schlage ich den Begriff "staatsbürgerlicher Druck" vor. Dieser Druck wirkt auf die Machthabenden und drängt auf Reformen, bis sie erfolgen; sobald diese erreicht sind und Bürger ausreisen dürfen, lässt der Druck nach und der Wunsch nach Veränderung wird schwächer.

Die Migration von Arbeitskräften war im Sowjetblock unter dem Sozialismus auf hoch qualifizierte Spezialisten beschränkt – Ärzte, Ingenieure, Lehrer und Konstrukteure. Man schickte sie in den arabischen Raum und in Länder der Dritten Welt, wobei der Staat über die Hälfte ihres Lohnes einbehielt. Nach dem Zusammenbruch des Regimes "normalisierte" sich die Lage langsam, und die Länder des Sowjetblocks wurden zur Quelle größtenteils unqualifizierter Arbeiter.[1] Die neunziger Jahre waren das Jahrzehnt des Übergangs dieser beiden Migrationsformen. Eine große Anzahl von gut ausgebildeten Menschen, viele von ihnen nicht mehr jung, wurde von einer Migrationspanik erfasst, weil sie die weltweiten Veränderungen nicht einschätzen konnten. Ein bulgarischer Witz aus jenen Jahren lautete: "Nur Abenteurer bleiben zu Hause."

Die neu erworbene Bewegungsfreiheit hat den existentiellen Aspekt des sozio-politischen Lebensraums abgeschafft: Jedes soziale oder politische Problem ist, zumindest auf der individuellen Ebene, durch Flucht lösbar. Zygmunt Bauman hat diesen Zustand "flüchtige Moderne" genannt und darauf hingewiesen, dass Machtmechanismen nicht länger über Zwang und Konflikt, sondern über Vermeidung und Ausflucht funktionieren.[2] Um den berühmten Satz der britischen Ökonomin Joan Robinson zu zitieren: "Nur eines ist schlimmer als ausgebeutet zu werden: nicht ausgebeutet zu werden." In der neuen globalen Ordnung besteht die größte Bedrohung darin, dass die Macht sich zurückzieht und ein Chaos hinterlässt.

Das gleiche gilt für den Bürger selbst. Staatsbürgerschaft, so könnte man behaupten, funktioniert über Vermeidung und Ausflucht. Liegt darin der Kern einer neuen Form der Demokratie verborgen? Werden Mächtige bestrebt sein, Menschenströme anzuziehen wie ein Supermarkt seine Kunden, und wird die Politikwissenschaft künftig mit Begriffen wie Fließgeschwindigkeit, Zähflüssigkeit, Stagnation und Überschuss arbeiten?

[1] Jugoslawien, ein in kultureller Hinsicht Bulgarien ähnliches Land, begann während der 1970er Jahre mit dem Export von Gastarbeitern, um seine Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen. Inzwischen befindet sich Bulgarien in derselben Lage.

[2] Zygmunt Bauman, Flüchtige Moderne, Suhrkamp Verlag 2003.

 

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Ivaylo Ditchev
Dr. phil., geb. 1955; Präsident des Red House Centre for Culture and Debate, Sofia, und Professor für Kulturanthropologie an der St. Kliment Ohridsky Universität Sofia. ...
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Übersetzung
Eva Bonné

Original in Englisch

© Ivalyo Ditchev

Eurozine

Veröffentlicht in Zusammenarbeit mit Eurozine

 

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