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Archiv / Magazin / Wirtschaft / Medienmärkte / Hintergrund | 20.12.2007

Medienkonzentration und Digitalisierung – die europäische Perspektive

von Steffen Grimberg


Medienunternehmen stehen vor neuen Herausforderungen: Digitalisierung, IP-TV und Online-Dienste lösen die örtlich und zeitlich gebundene Mediennutzung auf, aus Zuschauern werden Nutzer. Wer mithalten will, stellt Medien auf allen Kanälen zur Verfügung und denkt über neue Finanzierungsmodelle nach. Steffen Grimberg beschreibt die Auswirkungen auf den europäischen Medienmarkt.


Die Digitalisierung gilt oft als "Allheilmittel" für bisherige Unzulänglichkeiten vor allem des elektronischen Mediensystems: Kanalknappheit im analogen Frequenzspektrum für Radio und Fernsehen wird abgelöst durch Programm-Multiplexe von jeweils mehreren Hundert Kanälen.

Die Digitalisierung verändert das Fernsehen: IP-TV löst analoge Endgeräte ab.
Foto: Photocase


Die Digitalisierung verleiht dem ortsgebundene Empfang Flügel – auf einem Niveau weit höher, als dies analoge Transistorradios oder portable TV-Geräte je konnten: Mobile-TV mag in Europa zwar noch das Hobby Weniger sein, doch ein Blick nach Asien reicht, um zumindest die groben Umrisse dessen zu sehen, was kommt. Digitale Messenger- und Webdienste lassen die Unterschiede zwischen den klassischen, "alten" Medien immer weiter verschwimmen. Nach dem Medienkonsum individualisiert sich nun auch das Medienangebot. Neben journalistische Dienste treten unendlich viele semi-professionelle oder ganz private Angebote, die über das Internet - wie bisher nur die klassischen Massenmedien und insbesondere der Rundfunk – von allen technisch entsprechend ausgerüsteten Menschen empfangen werden können. Die aktuelle Debatte über die "Wertigkeiten" der Blogosphäre mag da als einschlägiges und manchmal auch abschreckendes Beispiel dienen.

Doch die Digitalisierung lässt auch andere Grenzen verschwimmen: In Deutschland über Jahrzehnte traditionell auf das reine Angebot von Telefonie-Diensten festgelegte "Telekoms" dringen via Mobil-Telefonie auch ins Mobile TV vor, mobiles Surfen im Internet inbegriffen. Die dahinter stehenden Unternehmen, in vielen europäischen Ländern mittlerweile privatisierte ehemalige Staatsmonopolisten, sind dank ihrer Börsenkapitalisierung weit mächtiger als jedes traditionelle Medienhaus. Die Kabelfernsehunternehmen wiederum sind längst nicht mehr nur bloße Dienstleister, die den TV-Kanal eines bestimmten Senders transportieren, sondern bieten "Triple-Play" aus TV/Radio, Telefonie und Hochgeschwindkeits-Internet. Diese Entwicklung wird in Zukunft ganz andere Erlösmodelle in den heute klassischen Medienindustrien hervorbringen. Und auch der technisch bis zu einem gewissen Grad ausgereizte Bereich der gedruckten Presse versucht, durch weit über seine bisherigen Angebote hinausgehende Online-Strategien mit Audio- und Video-Streams hier den Anschluss nicht zu verlieren.

Diese neuen Erlösmodelle locken bislang im Medienbereich eher weniger vertretene Unternehmer und Finanziers an, genauso wie der Investitionsbedarf im Rahmen der Digitalisierung – von der Umstellung bislang analoger Sende- oder Kabelsysteme bis zur Finanzierung der zusätzlichen Angebote in der schönen neuen digitalen Welt: Private-Equity-Firmen, die dringend nach lukrativen Investitionsmöglichkeiten suchen, oder internationale Konzerne, die sich über ihr bisheriges Kerngeschäft hinaus in den Medienmarkt hineindiversifizieren. Die alten Spielregeln sind längst über den Haufen geworfen, wonach unterschiedliche Sprachen und kulturelle Eigenarten die internationale Mehrfachverwertbarkeit von Medieninhalten wenn schon nicht glattweg ausschlossen, so doch zumindest stark einschränkten.. Beim TV-Fachkongress der Cologne Conference im Herbst 2007 hielten Experten rund zwei Drittel der im so genannten "Factual Programming"-Bereich entstehenden, nicht-fiktionalen Fernsehstoffe wie Talk- und Castingshows, Koch- und Life-Improvement-Formate für international "reisefähig".

Diese neue Form der medialen Globalisierung geht Hand in Hand mit der Gefahr weiterer Medienkonzentration, vor allem auf europäischer Ebene: Hier haben sich mediale Nutzungsgewohnheiten – bei allen weiterhin vorhandenen länder- und kulturspezifischen Eigenheiten – in den vergangenen Jahrzehnten bereits weit angeglichen. Die zum Bertelsmann-Konzern gehörende RTL Group mit ihren 42 TV- und 32 Radioprogrammen in zehn europäischen Staaten machte schon im analogen Zeitalter Sinn. Auch die zugehörige vertikale Durchdringung des Marktes durch eigene Produktionsunternehmen (Ufa) oder Firmen für Rechtehandel und Werbezeitenverkauf (IP Deutschland) ist keine Erfindung des digitalen Zeitalters. Bertelsmann hält – wie sonst in Europa wohl nur der anglo-amerikanische Medienzar Rupert Murdoch – auch horizontal den Markt besetzt, durch Beteiligungen an Presse-Verlagen (Gruner + Jahr), im Musik- (SonyBMG) und Vertriebsgeschäft (Direct Group) sowie bei ganz allgemeinen Dienstleistungen (Avarto). Jetzt beginnen auch andere, gelockt von der angeblich künftig so üppig fließenden digitalen Dividende, das mediale Feld möglichst großräumig – oder zielgenau in die Tiefe – zu beackern. "Der Prozess der Digitalisierung wird im Medienbereich zu einem weiteren signifikanten Konzentrationsschub führen", so ein Fazit der von der Europäischen Journalisten-Föderation initiierten Studie "Media Power in Europe". Große, finanzstarke Unternehmen hätten dabei wegen des weiterhin hohen Investitionsbedarfs automatisch einen Vorteil. "Wenn dann eine starke Ausgangsbasis geschaffen ist, wird es für kleinere Wettbewerber noch schwerer werden, ein möglichst großes Publikum zu erreichen.

Konzentrationstendenzen auf dem europäischen TV-Markt

Vor allem im europäischen TV-Markt gibt es schon heute klare Konzentrationstendenzen – beide unter deutscher Beteiligung: Die zum Bertelsmann-Konzern gehörende RTL-Group ist in den großen klassischen Fernsehnationen des "alten" EU-Bereichs präsent – in Frankreich, den Niederlanden, Großbritannien, Deutschland – und hat sich seit Mitte der 1990er Jahre stark Richtung Ost- und Südosteuropa (Polen, Ungarn, Kroatien, Russland) ausgedehnt. Sie ist zudem einer der größten Programm-Produzenten der Welt (mehr als 10.000 Stunden pro Jahr) und der weltweit größte TV-Rechtehändler außerhalb der USA (Programmrechtestock: 19.000 Stunden) Durch die Fusion der deutschen ProSiebenSat.1-Sendergruppe mit der ursprünglich skandinavischen SBS Group im Sommer 2007 entsteht derzeit ein zweiter europaweiter TV-Konzern. Der künftig als ProSieben firmierende Verbund ist in 13 Ländern Europas aktiv – mit Schwerpunkten in Skandinavien, Deutschland, den Niederlanden und wiederum Osteuropa. Anders als bei der RTL-Group fehlt hier allerdings eine vergleichbare Stellung im Produktionsmarkt.

 

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Steffen Grimberg
studierte Journalistik und Geschichte in Dortmund und Edinburgh. Er ist Medienredakteur bei der taz, die tageszeitung und lehrt Journalismus.
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Original in Deutsch

Veröffentlicht am 20.12.2007

Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

Der Text ist lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

 

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