Top-Thema vom Montag, 13. März 2006
Slobodan Milosevics Tod
Der jugoslawische Expräsident Slobodan Milosevic wurde am 11. März tot in seiner Gefängniszelle des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag gefunden. Seit 1999 war er wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Den Haag angeklagt, später wurde die Anklage um Völkermord erweitert. Im Februar 2002 begann der Prozess. Ihm wurden 66 Kriegsverbrechen in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und im Kosovo während der Balkan-Kriege in den 1990er Jahren zur Last gelegt. Die europäische Presse befasst sich mit den Folgen von Milosevics Tod für Serbien, Südosteuropa, Europa und das UN-Tribunal.
The Independent - Großbritannien
"Milosevic brachte Scham und Schande über das großartige serbische Volk. In aller Welt ist es nun als gewalttätiges Volk verschrieen, das an Orten wie Srebrenica Menschen umgebracht hat", schreibt Paddy Ashdown, ehemals hoher Vertreter der internationalen Gemeinschaft in Bosnien. "Am Ende wurde den Serben klar, wer Milosevic war, deshalb wollten sie ihn loswerden. Aber Milosevic hat zu viele westliche Politiker zu lange zum Narren gehalten. Die Intervention kam zu spät. Der internationalen Gemeinschaft fiel es beim Kosovo wie Schuppen von den Augen. Wäre ihnen früher klar geworden, dass er nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems war, wären zehntausende Menschen am Leben geblieben und Millionen andere nicht vertrieben worden." (13.03.2006)
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Delo - Slowenien
Milosevic habe Faschismus mit Sozialismus verbunden, meint Ervin Hladnik-Milharcic und betont, er habe dabei große Unterstützung gehabt: "Von einer Station zur nächsten haben ihn Wahlen begleitet, bei denen er immer wieder mit überzeugender Mehrheit gewonnen hat. Nicht was er tat, war merkwürdig, sondern es war schockierend, dass er dafür die Unterstützung des Volkes bekam. Nach seinem Tod droht das in Vergessenheit zu geraten. Millionen von Mitbeteiligten werden versichern, nicht gewusst zu haben, was Milosevic getan hat." (13.03.2006)
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Neue Zürcher Zeitung - Schweiz
"Sein plötzlicher Tod hat seine Verurteilung unmöglich gemacht, und es fällt einem schwer, den eigenen Zorn zu bändigen, wenn man an Milosevics Zynismus und seine Verhöhnung von Menschen und Fakten denkt", schreibt der serbische Schriftsteller Bora Cosic zum Tod des früheren serbischen Diktators. "Ich sehe schon, wie der ehemalige Diktator durch die Überlieferung, die Phantasie und die traurige Einfalt meines Volkes seinen irdischen Weg weiterhin gehen wird, nur weil sich dieses Volk kopflos, ausgestoßen und zu niemandem gehörig fühlt. Deshalb wird sich Platz finden für einen toten Diktator, der umgeht... Jetzt mache ich mir Gedanken darüber, wie lange wir noch brauchen werden, um uns von diesem Gespenst zu befreien. Slobodan Milosevics irdisches Leben hat ein Ende gefunden, aber seine finsteren und nekrophilen Rechnungen sind offen geblieben." (13.03.2006)
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Süddeutsche Zeitung - Deutschland
Der Autor Richard Swartz hält die symbiotische Beziehung des Ehepaars Milosevic für eine Spezialität des Balkans. "Dem serbischen Paar Slobodan Milosevic und Mira Markovic entsprechen in Rumänien das Paar Nicolae und Elena Ceausescu, in Albanien Enver und Nadschmije Hodscha, in Bulgarien Todor Schiwkow und seine Tochter Ludmilla. Wir sehen einen Mann an der Macht, doch im Hintergrund befindet sich eine Frau, und eigentlich ist sie es, die regiert. Blutsbande sind wichtiger als alle anderen Loyalitäten, sowohl gegenüber Menschen wie gegenüber Ideen. Diese innige Gemeinschaft der Macht ist geprägt von einer Art leichtem Wahnsinn, von Nepotismus, allerhand bizarren und phantastischen Projekten, von Astrologie, Okkultismus und, falls notwendig, von einem Fanatismus, der die Gewalt nicht scheut." (13.03.2006)
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Népszabadság - Ungarn
"Slobodan Milosevic kam durch das Fernsehen an die Macht... Und er beendete seine Karriere in Den Haag, in dem Bewusstsein, dass der Prozess zu Hause von Millionen auf dem Bildschirm verfolgt wurde", schreibt der in Serbien lebende György Szerbhorvát. "Er war aggressiv, sein altbekanntes zynisches Lächeln verschwand nicht von seinem Gesicht. Manchmal war sein Kopf rot, aber nie sah er hoffnungslos schlecht gelaunt und erst recht nicht krank aus. Es ist ein Irrglaube, er sei überzeugter Kommunist oder Nationalist gewesen. Er war an Macht interessiert. Und um der Macht willen war er ein großer Schauspieler, der eines verstand: das Fernsehen für seine Zwecke zu nutzen." (13.03.2006)
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Libération - Frankreich
Für den Leitartikler Gérard Dupuy zeigen der Prozess und der Tod des ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Milosevic, wo die Grenzen europäischen politischen Handelns liegen. "Wenn sich heute auch kaum jemand für Milosevic stark macht, so sollte diese einmütige Verurteilung nicht vergessen machen, dass es zu einem anderen Zeitpunkt fast gelungen wäre, den letzten Eroberungskrieg der europäischen Geschichte zu Ende führen, dessen Codename 'Großserbien' lautete. Die viel zu lange währende Passivität der Europäer hatte es möglich gemacht, dass sich diese verhängnisvollen Pläne entwickeln konnten und ein Chaos ausbrach, das letztlich nur amerikanische Waffen stoppen konnten. Sein Tod, der einen wenig zufriedenstellenden Prozess beendet, weckt Unbehagen. Milosevic hat seinen Nachbarn auf dem alten Kontinent bis zum Schluss einen extremen Zerrspiegel vorgehalten." (13.03.2006)
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Dagbladet Information - Dänemark
Torben Krogh weist den Vorwurf zurück, das Haager Kriegsverbrechertribunal habe zu langsam gearbeitet. "Der Prozess sollte mit vollem Respekt für die Rechtssicherheit des Angeklagten durchgeführt werden. Eben das markiert den Unterschied zwischen einer Gesellschaft, die die Menschenrechte akzeptiert, und dem Regime, das von Milosevic geführt wurde. Von der internationalen Öffentlichkeit aber war er längst verurteilt. Was bei seinem Tod fehlte, war das Urteil der Richter. Das wäre vor allem für die Angehörigen der vielen Opfer seines brutalen Regimes wichtig gewesen... Niemand hegt einen Zweifel, dass Slobodan Milosevic ein Kriegsverbrecher der schlimmsten Sorte war – abgesehen vielleicht von den serbischen Kreisen, die ihn nach wie vor als Held sehen." (13.03.2006)
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La Repubblica - Italien
Der bosnische Regisseur Danis Tanovic, dessen Film "No man's land" im Jahr 2002 den Oscar für den besten ausländischen Film erhalten hat, äußert sich im Interview mit Laura Putti zum Tod von Slobodan Milosevic. "Selbst tot ist Slobo noch eine Gefahr. Für viele Serben ist Milosevic heute ein Märtyrer. Ich habe Angst vor den Reaktionen der nationalistischen serbischen Gruppierungen... Die serbische Politik hat sich nicht verändert. Solange Präsident Boris Tadic weiterhin die Nationalisten unterstützt, wird es nicht möglich sein, wieder Beziehungen zu Bosnien anzuknüpfen. Das Problem Bosniens ist, dass es mit Serbien mehr als die Hälfte seiner Grenzen teilt. Und wenn in Belgrad irgendetwas nicht funktioniert, wirkt sich das auf Sarajewo aus." (13.03.2006)
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