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Kertesz, Imre

Geb. 1929; Schriftsteller; 2002 Nobelpreisträger für Literatur.


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In der europäischen Presseschau wurden bisher 4 Artikel dieses Autors/ dieser Autorin zitiert.


Litera - Ungarn | 09.11.2009

Imre Kertész über ein starkes und offenes Europa

Europa trägt schwer an seiner Geschichte, schreibt der Literaturnobelpreisträger Imre Kertész auf dem Kulturportal Litera. Doch das Europa der Zukunft werde stark sein, selbstbewusst und offen: "In einem höheren Sinn ist das Glück des Menschen jenseits seiner geschichtlichen Existenz zu suchen. Gleichwohl dürfen wir die historischen Erfahrungen nicht umgehen. Im Gegenteil: Die Erfahrungen der Vergangenheit müssen neu durchlebt und einverleibt werden. Nennen wir das eine tragische Identifizierung mit der Geschichte. Den Menschen kann allein das Wissen über die Geschichte hinausheben. ... Jene Zivilisation, die ihre Werte nicht klar und deutlich definiert, oder die ihre Werte gar im Stich lässt, ist dem Untergang geweiht. ... Wir sind allein geblieben, bar jeglicher himmlischer oder irdischer Richtschnur. Wir müssen unsere Werte Tag für Tag neu schaffen ... und zum Fundament einer neuen europäischen Kultur erheben. Wenn ich an das zukünftige Europa denke, sehe ich ein starkes, selbstbewusstes Europa, das stets für Verhandlungen offen ist, das aber nie faule Kompromisse eingeht. Vergessen wir nicht, dass Europa durch einen heroischen Entschluss entstanden ist: Athen hatte sich entschlossen, den Persern die Stirn zu bieten."

Neue Zürcher Zeitung - Schweiz | 09.07.2007

Imre Kertész über die europäische Freiheit der Erkenntnis

Literaturnobelpreisträger Imre Kertész hat mit Jörg Plath über die "Schlünde der Apokalypse" in Europa gesprochen, wie er sie bereits in seiner Rede auf der Berliner Konferenz "Perspektive Europa" beschrieben hatte. "Ich möchte nicht politisch argumentieren. Politik ist wie Fußball: Jeder glaubt, etwas davon zu verstehen. Ich verstehe nichts von Politik. Aber ich glaube, die Schlünde haben sich nicht wieder geschlossen, auch in Jugoslawien nicht. Und sie können sich überall auftun. Diese Tage, in denen London wie unter Schock lebt, zeigen, wie verletzbar alles ist. Wie verletzbar die Zivilisation, wie verletzbar das tägliche Leben. Man muss sich der dramatischen Seite des Lebens bewusst sein. Jeden Tag, jeden Moment. Eigentlich ist Europa eine heitere, eine weise und auch eine starke Entität, seit den alten Griechen. Ich glaube, Europa vertritt etwas, was keine Zivilisation sonst vertritt: die Freiheit der Erkenntnis. Die Freiheit überhaupt. Sie darf nicht verraten werden."

Élet és Irodalom - Ungarn | 28.07.2006

Imre Kertész über europäischen Antisemitismus

Nobelpreisträger Imre Kertész analysiert im Interview mit Eszter Raday den Antisemitismus in Europa: "Eine neue und wirksame Möglichkeit des Antisemitismus ist in demokratischen Staaten die Kritik an Israel – vor allem, wenn Israel wirklich Anlass zur Kritik gibt, was übrigens auch bei anderen Staaten vorkommt, die nicht um ihre Existenz kämpfen müssen. Eine Sprache wurde entwickelt, die ich Euro-Antisemitismus nenne. Für einen Euro-Antisemiten ist es kein Widerspruch, der Opfer des Holocausts in tiefer Trauer zu gedenken, aber gleich im nächsten Satz unter dem Vorwand der Israel-Kritik antisemitische Äußerungen von sich zu geben. Man hat es schon so oft wiederholt, dass es fast zum Klischee wurde: Die Erinnerung an den Holocaust ist notwendig, damit er nie wieder geschehen kann. Aber seit Auschwitz ist eigentlich nichts passiert, was ein neues Auschwitz unmöglich macht. Im Gegenteil. Vor Auschwitz war Auschwitz unvorstellbar, heute ist es das nicht mehr. Da Auschwitz tatsächlich geschehen ist, hat es unsere Fantasie durchdrungen und wurde ein fester Bestandteil von uns. Das, was wir uns vorstellen können, weil es in Wirklichkeit geschehen ist, kann wieder geschehen."

Le Nouvel Observateur - Frankreich | 02.03.2006

Imre Kertész über jüdische Identität

Der ungarische Schriftsteller Imre Kertész, Literaturnobelpreisträger und Auschwitz-Überlebender, äußert sich anlässlich der Veröffentlichung zweier neuer Werke über sein Jüdischsein: "Jüdisch zu sein hat für mich keine religiöse Bedeutung, und ich bin kein Zionist. Meine Eltern waren Juden, aber ich bin erst durch den Holocaust ein Jude geworden. Als ich in Israel war, bin ich mit meinem Freund, dem Schriftsteller Aharon Appelfeld, durch das orthodoxe Viertel in Jerusalem spaziert. Während er sich dort wohl fühlte, war ich eingeschüchtert, verängstigt. Ich gehörte nicht zu dieser Gemeinschaft. Ich war Jude, aber anders als sie, anders als andere, anders als ich. Es scheint, als wäre ich ein Jude einer anderen Spezies. Aber welcher Spezies? Keiner. Schon lange suche ich nicht mehr nach meinem Vaterland, meiner Identität. Der Holocaust hat eine neue Gattung von Juden hervorgebracht, für die das Jüdischsein weder eine religiöse Identität noch die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft bedeutet, sondern vor allem eine moralische Aufgabe ist."

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