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Seibt, Gustav


In der europäischen Presseschau wurden bisher 5 Artikel dieses Autors/ dieser Autorin zitiert.


Süddeutsche Zeitung - Deutschland | 04.05.2010

Gustav Seibt über die kriseninteressierte europäische Öffentlichkeit

Die Rettung des griechischen Staatshaushalts bewegt die Bürger in Deutschland wie kein anderes Thema der europäischen Politik jemals zuvor. Der Historiker Gustav Seibt sieht in der linksliberalen Süddeutsche Zeitung darin das erste Aufblitzen einer europäischen Öffentlichkeit: "Details des griechischen Rentensystems interessieren die Deutschen brennend. Die Tatsachen über den systematischen Statistik- und Subventionsbetrug, den Athen betrieben und Brüssel geduldet hat, gewinnen demokratische Brisanz. ... Weder ein gemeinsames Sprach- und Kulturbewusstsein noch die Fiktion historischer Schicksalsgemeinschaft lassen sich so leicht von der nationalen auf die europäische Ebene projizieren. Das aber bedeutet: Europa als 'Projekt' muss sich, noch mehr als traditionell nationalstaatlich verfasste Demokratien, auf seinen materiellen Erfolg verlassen können. Wenn der Euro-Nationalismus, der sich im Boulevard und auf den Leserkommentaren der Zeitungsseiten im Internet derzeit enthemmt und wild austobt, domestiziert und politisiert wird, kann er zu einer starken Triebkraft für Europa werden. Mit dem 'Elitenprojekt' Europa ist es so oder so vorbei: Europa hat jetzt vielleicht noch die Chance, ein Projekt der Massen zu werden. Aber wie es so ist, wenn die Massen Einfluss auf die Politik gewinnen: Ganz ohne Demagogie scheint es nicht zu gehen."

Süddeutsche Zeitung - Deutschland | 11.12.2008

Pflichtfach Religion?

In Berlin wird darüber debattiert, ob Religion zum Wahlpflichtfach an öffentlichen Schulen werden soll. Die Tageszeitung Süddeutsche Zeitung ist der Meinung, dass ein geordneter Religionsunterricht besser sei als Pseudo-Säkularismus. "Die christlichen Kirchen reagieren auf solche Überlegungen, indem sie sich ausdrücklich auch für einen öffentlichen islamischen Religionsunterricht stark machen. Religionsfreiheit müsse etwas Positives sein, sie erfülle sich nicht in der Abwesenheit von Behinderungen, sondern bedürfe realer Möglichkeiten, gerade in der Erziehung. Dazu kommt, dass eine rein weltliche Ethik weniger neutral ist, als sie zunächst erscheint. Solange der muslimische Teil der Gesellschaft im Durchschnitt frömmer lebt und denkt als der nominell noch christliche, kann auch staatlicher Säkularismus wie ein Oktroi wirken. Im Großen erleben wir das bei jenen Streitigkeiten über Karikaturen oder Rushdie-Lesungen in Moscheen, wo glaubenslose postchristliche Zeitgenossen die Meinungsfreiheit und Toleranz von Muslimen provokativ testen und den Voltaire auf fremdem Terrain geben. Für solche Asymmetrien haben die Betroffenen eine feine Empfindung, wie auch beim doppelten Standard in der Bewertung von Kreuz und Kopftuch."

Süddeutsche Zeitung - Deutschland | 17.04.2008

Abschied vom italienischen Kommunismus

Seit der Wahl in Italien sind die Kommunisten in beiden Kammern des Parlaments nicht mehr vertreten. Politisch betrauert Gustav Seibt das nicht, um die Kultur tut es ihm aber leid. "Denn das war der Kommunismus in Italien: eine ganze Kultur. Da waren die sommerlichen 'Feste dell' Unita', wo nicht nur an langen Bänken im Freien gegessen, getrunken, gesungen und getanzt wurde; sondern wo es immer auch den Bücherstand mit Wälzern des Verlages Einaudi gab und wo irgendein Schriftsteller, Schauspieler oder Regisseur mit aufs Podium kam, um die Lage zu diskutieren. Fast alles, was Italien zur Nachkriegskultur auch international beigesteuert hat, stammte aus dieser kommunistischen Kultur, die in ihrem Ursprungsland eine Gegenwelt darstellte."

Süddeutsche Zeitung - Deutschland | 26.02.2007

Gustav Seibt über die Anthropologie der deutschen Nachkriegsgesellschaft

"Die beiden Themen Luftkrieg und Flucht haben einander im Gesamtverlauf eines Jahrzehnts abgelöst", stellt der deutsche Literaturkritiker und Historiker Gustav Seibt fest. "Man hat noch nicht über die Anthropologie der deutschen Nachkriegsgesellschaft nachgedacht. Aber wer sie zu schreiben versuchte, der müsste von der massenhaften Elementarerfahrung von Obdachlosigkeit und Flucht ausgehen. Ist sie nicht einbetoniert in der sichtbaren Oberfläche dieser Gesellschaft? In den Hunderttausenden Eigenheimen, in ihrer peniblen Reinlichkeit, ihrer heimatlosen, frostig anmutenden Gleichförmigkeit und ihren überheizten Wohnzimmern? In den Fußgängerzonen und Einkaufszentren, in der geschrubbten Ordentlichkeit, Befestigtkeit und Solidität der Lebensumstände? Das behagliche Wohnen sei den Deutschen wichtiger als das gute Essen, so heißt es bei unseren Nachbarn. Das kann, wenn nicht alles trügt, auch eine Antwort auf die Ausgesetztheit und Unbehaustheit sein, wie sie nicht umsonst auch in den intellektuellen Schlagworten der fünfziger Jahre metaphorisiert wurden."

Süddeutsche Zeitung - Deutschland | 21.04.2006

Monarchie und nationale Identität

Gustav Seibt gratuliert den Briten zur Queen und den Europäern zur Monarchie. "Königin Elisabeth hat alle britischen Premierminister seit Winston Churchill persönlich kennen gelernt und Woche für Woche mit ihnen konferiert. Was das für die Geschichte des Landes bedeutet hat, wird sich vermutlich nie ganz abschätzen lassen, aber schon die disziplinierende Wirkung auf Neulinge im Amt dürfte beträchtlich gewesen sein. Traditionsreiche und beliebte Monarchien sind auch in der modernen Welt hilfreiche Faktoren für das Gelingen demokratischer Verfassungen. Den Staat Belgien gäbe es ohne sein Königshaus gar nicht mehr. Die spanische Demokratie verdankt ihr Überleben gegen einen Putschversuch der franquistischen Reaktion dem beherzten Eingreifen seines Königs."

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