Süddeutsche Zeitung - Deutschland | Dienstag, 31. Oktober 2006
Andrzej Stasiuk über den schönsten Feiertag Polens
Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk erzählt, warum Allerseelen der schönste Feiertag in Polen ist. "Es ist ein seltsamer, ein anachronistischer Feiertag. In unsere Zeit passt er gar nicht. Er lenkt die Aufmerksamkeit vom pragmatischen Alltag ab. Wir verlieren Zeit, wenn wir zu Hunderttausenden das Land durchqueren, um die vergrabenen Überreste derer zu besuchen, die einmal bei uns waren. Ein urtümlicher, wilder Feiertag... Einmal im Jahr kennzeichnen wir mit Feuer die Orte, wo wir unsere Toten begraben haben, damit sie für immer existieren, damit wir sie wiederfinden können. Niemand bezeugt unsere Existenz besser als sie. Was wäre der Mensch ohne seine Vorfahren? Eine absurde Frage. Und so markieren wir einmal im Jahr mit Lichtern diese Orte, damit der schwarze, leere, endlose Kosmos weiß, dass wir einen Kampf gegen ihn führen, gegen seinen Nihilismus, seine Gleichgültigkeit. Wenn die Dämmerung anbricht, gehen die Besucher, setzen sich in ihre Autos oder Busse und fahren heim. Was bleibt, sind leere, erleuchtete Friedhöfe. Das ist eines der ergreifendsten Bilder, die man in Polen sehen kann."
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