Le Nouvel Observateur - Frankreich | Donnerstag, 17. Januar 2008
Abdelwahab Meddeb über den Koran als Menschenwerk
Der französisch-tunesische Schriftsteller Abdelwahab Meddeb schlägt im Interview mit Gilles Anquetil eine Rückkehr zu den Thesen der rationalistischen Theologen des 9. Jahrhunderts, der Mutaziliten, vor. "Sie haben argumentiert, der Koran sei 'geschaffen' - anders als die Wortgläubigen, die predigen, der Koran sei 'nicht geschaffen'. Aber durch was wurde der Koran 'geschaffen', wenn nicht durch den Glauben und durch von Gott inspirierte Worte, übersetzt in menschliche Sprache? Diese Vermittlung durch den Menschen impliziert die Notwendigkeit, den Text im Kontext seiner Entstehung zu betrachten und in Beziehung zu der Zeit seiner Offenbarung zu setzen, die anthropologisch überholt ist. Der Sinn des Textes wird also relativiert. Was mit der Bibel seit Ende des 17. Jahrhunderts geschehen ist, beginnt nun beim Koran. Es gibt viele muslimische Wissenschaftler oder Wissenschaftler muslimischer Herkunft, die sich daran beteiligen. Wir müssen dafür sorgen, dass ihre Ergebnisse möglichst vielen Menschen zugänglich gemacht werden."
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