Süddeutsche Zeitung - Deutschland | Montag, 18. Mai 2009
Klaus Brill über die innere Befindlichkeit der Europäischen Union
Anlässlich einer Tagung im rumänischen Siebenbürgen zum Thema Europa als Erinnerungsraum analysiert Klaus Brill in der links-liberalen Süddeutschen Zeitung die Sichtweise der neuen Beitrittsländer auf Europa: "Europa war vor 20 Jahren für Millionen Slowaken, Tschechen, Ungarn, Polen oder Rumänen eine Chiffre für zivilisatorische Errungenschaften, die den Bewohnern des kommunistischen Machtbereichs versagt geblieben waren: Freiheit, Demokratie, Wohlstand. Auch in der Ukraine war später die orangene Revolution auf das Sehnsuchtsziel Europa ausgerichtet, so wie es heute der Aufstand der Studenten in Moldawien ist. Europa hieß und heißt für die Bewohner seiner östlichen Hälfte: dazugehören. Die Begeisterung von 1989 ist längst verflogen und hat bei vielen Intellektuellen einer tiefen Enttäuschung Platz gemacht. Realität ist nämlich, wie [der slowakische Professor für Slawistik Peter] Zajac meint, dass vor den Kulissen des Übergangs die alten Theaterstücke weitergespielt werden. ... Europa also [wird] heute als zerplatzter Traum, als Chiffre für Missbrauch und Unvermögen [gesehen]. Von der EU, dem Exekutiv-Organ der Hoffnung, nicht verschuldet, aber auch nicht verhindert. Solche Analysen sind mitzubedenken, wenn man jetzt im Vorfeld der Europawahl vom 7. Juni die Erwartungen sortiert und wieder einmal die Validität der Idee Europa überprüft. Der Kontinent ist weiter zweigeteilt in seiner inneren Befindlichkeit."
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