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Süddeutsche Zeitung - Deutschland | Dienstag, 25. Juli 2006

Andrzej Stasiuk über Polens Melancholie

"Mein Land wird von Zwillingen regiert. Mein Land wird von Tag zu Tag zweideutiger und melancholischer", schreibt der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk über die Brüder Lech und Jaroslaw Kaczynski, die als Präsident und Ministerpräsident Polen regieren. "Es gibt Momente, da sehen sie aus wie gealterte, müde Säuglinge. Darin steckt bestimmt eine tiefere Wahrheit, der verborgene Sinn der Demokratie. Mein Land hat nämlich die besten Repräsentanten gewählt, denn mein Volk ist müde, todmüde, es erinnert an ein todmüdes Kind. Die Müdigkeit, eigentlich dem Greisenalter zugeschrieben, befällt uns jetzt in der Jugend, in der Wiege. Noch bevor wir laufen lernen, empfinden wir Erschöpfung wie nach einem langen Marsch. Im Kinderzimmer eingesperrt, atmen wir die Luft des Altersheims. Und es gibt wohl keine besseren Schauspieler für dieses Nationaldrama als die müden, besorgten Zwillinge mit der rundlichen Physiognomie. Sehr gut möglich, dass das Volk instinktiv sein eigenes Fleisch und Blut gewählt hat."

» zur gesamten Presseschau vom Dienstag, 25. Juli 2006

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