Corriere della Sera - Italien | Donnerstag, 12. November 2009
Das Märchen vom unerwarteten Mauerfall
Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls wurde ein neuer Mythos geboren, meint der Philosoph Bernard-Henri Lévy: Der Mauerfall, den niemand voraussehen konnte. Diese Legende will absichtlich die Tatsachen verfälschen, schreibt er in der liberal konservativen Tageszeitung Corriere della Sera: "Wir verwechseln [im Westen] in aller Ruhe zwei Dinge miteinander: Feigheit und Blindheit. ... Und all das verwechseln wir dann nochmal mit der scheinbaren Stummheit auf der anderen Seite [der Mauer], mit dem langen, stillen Murren der Völker, die alles begriffen hatten und auf den letzten Funken warteten, um endlich zu wagen dem König zu sagen, das heißt der Diktatur, sie sei nackt. Diese Verwechslung ist mehr eine Schuld, als denn ein Irrtum. Sie ist schlimmer als ein Märchen, es handelt sich hierbei um Desinformation. … Wir haben genug von den Banalitäten, von den bis zum Erbrechen wiederholten Klischees. Ehren wir also diejenigen, die den Umsturz auf sich haben zukommen sehen und ihn mit dem eigenem Kopf, mit den eigenen Füßen beschleunigt haben."
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