Corriere della Sera - Italien | Mittwoch, 2. Dezember 2009
Ian Buruma über die religiöse Orientierungslosigkeit des Westens
Der anglo-niederländische Schriftsteller und Journalist Ian Buruma bezweifelt in der liberal-konservativen Tageszeitung Corriere della Sera, dass die Entscheidung der Schweizer, den Minarett-Bau zu verbieten in der Angst vor dem Islam liegt. Die wahre Ursache sei der Verlust der religiösen Identität: "Bis vor gar nicht langer Zeit besaß die Mehrheit der Bürger der westlichen Welt unbestreitbare Symbole des Glaubens und der kollektiven Identität. ... Die Globalisierung, das Projekt des vereinten Europas, der Sieg über die nationalistischen Bestrebungen in zwei verheerenden Weltkriegen und vor allem der weit verbreitete Verlust des religiösen Empfindens haben die Dinge verändert. Der Großteil der Menschen lebt heute in einer laizistischen, entzauberten, liberalen Welt. ... Die Loslösung vom Glauben und von der Tradition hat nicht immer auch größere Glücksgefühle hervorgebracht, sondern sie ist im Gegenteil häufig der Grund für eine verbreitete Orientierungslosigkeit, für Befürchtungen und Groll. ... Die zum Himmel ragenden Minarette und die verschleierten Gesichter stellen eine Bedrohung dar, weil sie Salz auf die Wunden desjenigen streuen, der am Verlust seines Glaubens leidet."
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