Nagyvilág - Ungarn | Donnerstag, 11. Februar 2010
Claudio Magris über Europas gefährliche Binnengrenzen
Über Europas neue Barrieren als latentes Kriegspotenzial reflektiert der italienische Schriftsteller und Essayist Claudio Magris in der Zeitschrift für Weltliteratur Nagyvilág: "Eine Gefährdung des realen Friedens lauert in der biederen Überzeugung, ... dass die Zivilisation die Barbarei besiegt habe und dass der Krieg, zumindest in unserer Welt, ausgerottet sei. ... Wir wiegen uns in der Illusion, ohne Krieg zu leben, weil der Rhein keine von Hunderttausenden von Soldaten umkämpfte Grenze mehr ist, oder weil auf dem Karst hinter Triest nicht mehr diese Grenze verläuft, die der unüberwindbare eiserne Vorhang war. Heute ist diese Grenze nicht aufgehoben, sondern nur verschoben ... . Eine Grenze, die nicht als Durchgang, sondern als Bollwerk gegen die Barbaren, erlebt wird, bildet ein latentes Kriegspotenzial. ... Heute sind es andere Grenzen, die den Frieden bedrohen, bisweilen unsichtbare Grenzen im Inneren unserer Städte, zwischen uns und den Neuankömmlingen aus allen Teilen der Welt. ... Auf Europa wartet die große und schwierige Aufgabe, sich den neuen Kulturen der neuen Europäer aus der ganzen Welt zu öffnen, die es durch ihre Mannigfaltigkeit bereichern. Es wird darum gehen, uns selbst in Frage zu stellen und offen zu werden für den größtmöglichen Dialog mit anderen Wertesystemen."
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