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Süddeutsche Zeitung - Deutschland | Donnerstag, 1. April 2010

Heribert Prantl über die anklagende Bedeutung des Passionslieds

Nach dem Bekanntwerden zahlreicher Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche erhält die Passions- und Karfreitagsliturgie zu Ostern eine anklagende Bedeutung, meint Heribert Prantl in der linksliberalen Süddeutschen Zeitung: "Das berühmteste Passionslied formuliert diese Anklage. Es schildert das zerschlagene Haupt des Jesus Christus mit Worten, die wie Schläge sind: Das Gesicht ist verwundet, blutbespritzt, dornengekrönt, geschlagen, bespuckt, entstellt. ... der Fragende, der Betrachter des Gekreuzigten, der Betende selbst muss sich schuldig bekennen: 'Schaut her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat.' Es ist eine Zeile, die die katholischen Würdenträger, die dieses Lied am Karfreitag anstimmen, verstummen lassen muss. Ist es denn nicht die Kirche selbst, 'die Zorn verdienet' hat? Weil sie den tausendfachen sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Priester so lange verheimlicht und verharmlost hat; weil sie geglaubt hat und manchmal immer noch glaubt, sie müsse sich nur ducken, bis der Sturm vorübergeht; weil sie immer wieder die Schuld auf andere schiebt oder darauf verweist, dass sich auch andere, nicht nur Priester, schuldig gemacht haben; weil sie zur radikalen Umkehr bisher nicht fähig ist."

» zur gesamten Presseschau vom Donnerstag, 1. April 2010

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