Die Zeit - Deutschland | Mittwoch, 26. Mai 2010
Jürgen Habermas über Deutschlands Indifferenz gegenüber Europa
Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas fragt in der Wochenzeitung Die Zeit nach Gründen für die anfängliche deutsche Zurückhaltung bei der gemeinsamen Bekämpfung der Euro-Krise: "Heute genießen die deutschen Eliten ihre wiedergefundene nationalstaatliche Normalität. Am Ende eines 'langen Weges nach Westen' haben sie ihr demokratisches Reifezeugnis erworben und dürfen nun wieder 'so sein wie die anderen'. ... Ein politisches Symptom für nachlassende Lernbereitschaft sind die Maastricht- und Lissabon-Urteile des Bundesverfassungsgerichts, die sich an überholten rechtsdogmatischen Vorstellungen von Souveränität festkrallen. Die um sich selbst kreisende und normativ anspruchslose Mentalität eines selbstbezogenen Kolosses in der Mitte Europas ist nicht einmal mehr ein Garant dafür, dass die Europäische Union in ihrem schwankenden Status Quo erhalten bleibt. Ein Mentalitätswandel ist kein Grund zum Vorwurf, aber die neue Indifferenz hat Folgen für die politische Wahrnehmung der aktuellen Herausforderung. ... Mit ein bisschen politischem Rückgrat kann die Krise der gemeinsamen Währung das herbeiführen, was sich manche einmal von einer gemeinsamen europäischen Außenpolitik erhofft hatten: das über nationale Grenzen hinausgreifende Bewusstsein, ein gemeinsames europäisches Schicksal zu teilen."
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