Libération - Frankreich | Mittwoch, 6. Oktober 2010
Nur kleiner Fisch wird belangt
Mit dem Prozess gegen den Ex-Börsenhändler Jérôme Kerviel ist am Dienstag einer der bedeutendsten Wirtschaftsprozesse in Frankreich zu Ende gegangen. Die linksliberale Tageszeitung Libération analysiert den Symbolwert des Urteils: "Kerviel als Sündenbock? Im Prinzip passt der Vergleich nicht. In der biblischen Wahrnehmung ist der Sündenbock unschuldig. Er trägt zwar alle Sünden Israels, hat sie aber nicht selbst begangen. Der ... verurteilte Kerviel trägt nun alle Sünden der Bank, aber er ist schuldig. ... Doch jenseits der juristischen Klarstellung: Was für ein Symbol! ... Der kleine Fisch der Finanzwelt wird allein oder zumindest beinahe allein die Sünden der Schöpfer der Kasino-Wirtschaft tragen müssen. Nach dem Urteil ... hat Kerviel nur eine freudlose und bedürftige Existenz in Aussicht. Die Verantwortlichen der globalen Finanzkatastrophe hingegen, auch wenn einige ihre Stelle verloren haben, werden … ihre letzten Tage in Riesenvillen beenden und auf einem Haufen Geld sitzen."
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