La Repubblica - Italien | Sonntag, 31. Oktober 2010
Jürgen Habermas über das Unbehagen in der Politik
Wachsende Fremdenfeindlichkeit und die Suche nach charismatischen Leitfiguren haben einen gemeinsamen Nenner: die Unzufriedenheit mit einer Politik ohne Gestaltungswillen, meint der Philosoph Jürgen Habermas in der linksliberalen Tageszeitung La Repubblica: "Die Ursachen der drei Phänomene - Angst vor Immigranten, Anziehungskraft charismatischer Nichtpolitiker, die Basisbewegung von Stuttgart 21 - unterscheiden sich stark voneinander. Gleichwohl bündeln sie sich in wachsendem Unbehagen, wenn sie auf ein in sich geschlossenes und immer hilfloseres politisches System stoßen. Je mehr sich der Spielraum der nationalen Regierungen reduziert, je mehr sich die Politik angeblich unumgänglichen Imperativen der Wirtschaft unterwirft, desto kleiner wird das Vertrauen der Bevölkerung in die schicksalsergebene politische Klasse. ... Europa bedarf daher der Wiederbelebung seiner politischen Klasse, die ihre eigene Mutlosigkeit mit ein wenig mehr Weitsicht, Entschlossenheit und Gemeinschaftssinn überwinden muss. Die Demokratie beruht einzig und allein auf der Überzeugung der Bevölkerung, dass noch eine Möglichkeit besteht, gemeinsam eine herausfordernde Zukunft aufzubauen."
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