Süddeutsche Zeitung - Deutschland | Mittwoch, 24. November 2010
Wolfgang Koydl über das problematische Parteiensystem in Irland
Das Parteiensystem im krisengeschüttelten Irland ist wegen seiner Geschichte ungewöhnlich, analysiert Wolfgang Koydl in der linksliberalen Süddeutschen Zeitung und zieht Parallelen zu dem ebenfalls mit der Krise kämpfenden Griechenland: "Geographisch liegen beide Länder am Rand Europas, nach eigenem Selbstverständnis aber spielten sie eine zentrale Rolle für den Kontinent: die Griechen als Stifter der Demokratie, die Iren als Träger der Christianisierung Europas. Beide Länder stöhnten unter dem Joch eines übermächtigen Nachbarn - hier Türken, dort Briten. Und beide Länder durchlitten im 20. Jahrhundert einen mit beispielloser Grausamkeit geführten Bürgerkrieg, dessen Narben noch immer nicht vollständig verheilt sind. ... In Irland führte diese Geschichte dazu, dass das Land nie ein Parteiensystem herkömmlicher Art besaß, in dem liberale, christdemokratische, konservative und sozialdemokratische Kräfte um Wählerstimmen warben. Allein ihre Namen klingen wie Titel bei einem Chieftain-Konzert: Soldaten des Schicksals (Fianna Fail), Stamm der Iren (Fine Gael), Wir selbst (Sinn Fein). ... Wenn 2011 gewählt wird, dürfte nicht so sehr Fine Gael vom Versagen Fianna Fails profitieren, sondern der ewige Dritte im irischen Parteiensystem: die kleine Labour Party. ... Für sie spricht eigentlich nur, dass sie außerhalb des traditionellen Parteiengefüges stehen."
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