Süddeutsche Zeitung - Deutschland | Donnerstag, 25. November 2010
Thomas Steinfeld über das Ende des Zusammenhalts in Europa
Die EU ist immer ein Sehnsuchtsprojekt gewesen, eine Vision, die mit der Wirtschaftskrise aus dem Blickfeld geraten ist, analysiert Thomas Steinfeld in der linksliberalen Süddeutschen Zeitung: "Vielmehr scheint, wenn Griechenland und Irland unter Vormundschaft gestellt werden, wenn ganze Länder innerhalb der Europäischen Union verarmen, weil sie die gerade empfangenen Kredite nie mehr werden zurückzahlen können, ein wirtschaftlicher Automatismus, ein Sachzwang, zum Subjekt der Geschichte zu werden - ein Automatismus, der selbst nicht mehr ästhetisch darstellbar ist, der aber eine Kultur der rasenden Ohnmacht, des Putsches und der individuellen Revolte hervorbringen muss. ... Je schärfer die wirtschaftlichen Lebensbedingungen der schwachen Volkswirtschaften innerhalb der Europäischen Union werden und je deutlicher wird, dass sich als souveränes politisches Subjekt in der Gemeinschaft nur wird behaupten können, wer über die Geldschöpfung verfügt, desto mehr scheint sich alle Kritik in ein Toben vor verschlossenen Türen zu verwandeln. ... Das kann aber nicht so bleiben: Wir werden, wie es früher die Philosophie zu tun versprach, unsere Zeit wieder in Gedanken fassen müssen."
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