Tages-Anzeiger - Schweiz | Mittwoch, 2. November 2011
Peter Sloterdjik fordert ein Menschenrecht auf gute Nachrichten
Journalisten tendieren dazu, Ereignisse zu dramatisieren, und tragen so zu einem Gefühl der Bedrohung bei, findet der Philosoph Peter Sloterdijk und plädiert deshalb im liberalen Tages-Anzeiger für das Recht auf gute Nachrichten. Dabei erinnert er an die Novellen-Sammlung Decamerone aus den Anfängen der Renaissance, in der das Geschichten Erzählen dazu dient, die Pest in Florenz zu vergessen: "Die Poesie nach der Pest verlangt, dass man sagt: La vita è bella, auch wenn die Katastrophenmönche es nicht hören mögen. In einer der dunkelsten Stunden der Menschheitsgeschichte, in der selbst das Evangelium die Übermacht der schlechten Nachrichten nicht mehr zu brechen vermag, übernehmen die Novellen eine paraevangelische Funktion. Sie verbreiten die gute Nachricht, dass immer noch und trotz allem eine Lebenskunst in der Welt ist, die einen neuen Anfang verspricht. ... Auf dem Hügel über Florenz wurde ein Menschenrecht artikuliert, das älter ist als alle übrigen Menschenrechte - das Recht auf Nachrichten, die besser sind als die Lage, das Recht auf Geschichten, die zeigen, dass die Sache der Intelligenz niemals verloren gegeben werden darf. Es ist das Menschenrecht der Poesie für Geschöpfe, die der Regeneration bedürfen. Von ihm macht Gebrauch, wer das Recht einfordert, Nachrichten zu hören, die nicht zum Verzweifeln sind."
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