Le Monde - Frankreich | Montag, 15. September 2008
Michaël Prazan über die europäische Identität der Ukraine
Der Schriftsteller Michaël Prazan setzt sich in der Tageszeitung Le Monde kritisch mit der Frage der europäischen Identität der Ukraine und deren Umgang mit seiner Vergangenheit auseinander. "Nach dem katastrophalen Abenteuer des georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili und der nachfolgenden Machtdemonstration Russlands, beharren die Europäer darauf, in der Ukraine ein 'europäisches Land' sehen zu wollen. ... In der Ukraine ist Geschichte der Ort eines komplexen Kontinuums, wo das Erbe des zweiten Weltkriegs und der sowjetischen Epoche lebendiger ist, als nirgendwo sonst. ... Die Geschichte des Genozids an den Juden, an dem ein wichtiger Teil der ukrainischen Bevölkerung teilgenommen hat, wird durch die höchsten staatlichen Behörden ständig neu geschrieben. Wir sollten daran erinnern, dass die Gräber, in die die Leichen von einer Million jüdischer Opfer des Nationalsozialismus hineingeworfen wurden, nur für ... jüdische Organisationen Gedächtnisorte darstellen. ... In dieser Situation sollte Europa zweimal überlegen, ob es den [ex-sowjetischen] Ländern ihre Integration in die Europäische Union verspricht. ... Wieso soll von der Türkei die Anerkennung der Verantwortung für den Völkermord an den Armeniern als Voraussetzung jeglicher Verhandlungen verlangt werden, während die Ukraine im Voraus von jeglicher Verantwortung für den Völkermord an den Juden mit ihrer aktuellen Geschichtsverfälschungsarbeit reingewaschen wird?"
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