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Top-Thema vom Mittwoch, 18. Oktober 2006


Will die EU die Türkei aufnehmen?

Äußerungen von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, die türkischen Reformen kämen nur schleppend voran, haben die Debatte um einen möglichen EU-Beitritt der Türkei neu entfacht. Wie stellt sich Europa - ein Jahr nach Beginn der Gespräche über einen Beitritt - zur Türkei?


De Volkskrant - Niederlande

"Niemand hatte die Illusion, die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei würden glatt und einfach über die Bühne gehen. Doch sogar die Erfahrensten auf dem Verhandlungsparkett hätten nicht gedacht, dass sich die ersten Schritte so schwer würden", bemerkt die Tageszeitung. "Schon das 'Ja' zu Beitrittsverhandlungen mit der Türkei, das im Dezember 2004 auf einem europäischen Gipfeltreffen ausgesprochen wurde, war unter größten Schwierigkeiten zustande gekommen. Zahlreiche europäische Spitzenpolitiker waren sich bewusst, dass unter ihren Wählern nur wenig Begeisterung darüber herrschte, die Türkei in die EU aufzunehmen... Die europäischen Politiker täten gut daran, die wahren Gründe offenzulegen, die sie dazu bewegt haben, der Türkei die Türen Europas zu öffnen. Genauso täte die Türkei gut daran, ihrer Bevölkerung zu erklären, dass der EU-Beitritt substanzielle Zugeständnisse erfordert." (18.10.2006)


Times of Malta - Malta

"Ich behaupte nicht, dass ich die Türkei und die Türken ganz verstehe. Wir in Malta haben immer noch im Großen und Ganzen eine verzerrte Vorstellung, die von der Mentalität des 'Great Siege', der Belagerung Maltas durch die Türken 1565, geprägt ist", schreibt der Künstler Kenneth Zammit Tabona. "Die Türkei ist ein Land heftiger Gegensätze und Widersprüche... Pamuks Bücher kritisieren die von Mustafa Kemal Atatürk begonnene Manie, die Türkei türkischer zu machen, da dies wegen der Komplexität des Osmanischen Reiches auch immer ethnische Säuberungen mit einschließt. Wer den fesselnden Roman von Louis de Berniere 'Bird without Wings' gelesen hat, der versteht den Schrecken der Umsiedlung ganzer Völker von Griechenland in die Türkei und umgekehrt. Das griechisch-türkische Problem in Zypern ist eine der unmittelbaren Folgen davon... Wenn die Türkei der EU beitreten will, muss sie einen so enormen Sprung nach vorn machen, was ich in den kommenden zehn Jahren nicht sehe." (17.10.2006)


The Independent - Großbritannien

"Gegenüber einer erneuten EU-Erweiterung ist Skepsis weit verbreitet", stellt die Zeitung fest. "Für pro-europäische Türken wird es zunehmend schwierig zu argumentieren, dass 'Zugeständnisse' in der Zypernfrage oder bei den Rechten der Kurden sowie bessere Beziehungen zu Armenien wichtig sind... Es würde Europa ideologisch und materiell einen enormen Schub geben, wenn ein überwiegend islamisches Land dazu käme. Gleichzeitig wäre es für Europa eine gute Gelegenheit, Menschenrechte, Meinungsfreiheit und eine liberale Wirtschaftsordnung in einem Land zu fördern, das an den Nahen Osten grenzt. Wenn die Türkei sich politisch nicht an Europa bindet, kann nichts von alledem geschehen. Auftrieb haben in der Türkei und Europa derzeit diejenigen, die einen Beitritt ablehnen. Das verspricht Ärger, nicht nur für die Ziele der Türkei, sondern auch für die Zukunft Europas als fortschrittliche und alle einschließende politische Kraft." (17.10.2006)


Libération - Frankreich

Denis MacShane, ehemaliger britischer Minister für europäische Angelegenheiten (2002-2005) und glühender Verfechter eines türkischen EU-Beitritts, bezeichnet die Haltung einiger EU-Mitgliedsstaaten gegenüber der Türkei in einem in mehreren Zeitungen publizierten Text als beschämend. "Selbstverständlich muss die Türkei einigen in europäischen Augen inakzeptablen Praktiken ein Ende setzen. Die gegen Schriftsteller und Journalisten angestrengten Prozesse beleidigen den europäischen Demokratiebegriff. Die Weigerung, Nikosia diplomatisch anzuerkennen und die andauernde Besetzung Nordzyperns können nicht geduldet werden. Doch dies wird so schnell kein Ende nehmen, wenn Europa nicht endlich aufhört, die Türken zu beleidigen und auf sie herabzusehen... Europas herablassende und feindselige Haltung gegenüber der Türkei droht einen der größten europäischen Trümpfe in einen Quell des Konflikts und der Spannung zu verwandeln." (17.10.2006)


» zur gesamten Presseschau vom Mittwoch, 18. Oktober 2006

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