Top-Thema vom Freitag, 21. September 2012
Westen fürchtet wütende Muslime

Eine aufgebrachte Menge demonstrierte am Donnerstag in Pakistan gegen den Anti-Islam-Film aus den USA. (© AP/dapd)
Frankreich, Deutschland und die USA haben ihre Vertretungen in mehreren muslimisch geprägten Ländern geschlossen, weil sie neue Ausschreitungen nach islamkritischen Medienbeiträgen fürchten. Die Wut der Menschen steht der Demokratisierung in der islamischen Welt im Weg, meinen Kommentatoren und mahnen, dass der Westen seine freiheitlichen Ideale jetzt nicht aufgeben darf.
Corriere della Sera - ItalienWesten darf seine Ideale nicht verraten
Die französische Regierung hat eine für Samstag geplante Demonstration gegen das islamfeindliche Mohammed-Video aus den USA verboten. Damit tut Paris den Fundamentalisten einen Gefallen, kritisiert die liberal-konservative Tageszeitung Corriere della Sera und fordert den Westen auf, seinen Idealen treu zu bleiben: "Zehn Tage nach der Fatwa von [Ayatollah] Khomeini, die Salman Rushdie für seine Satanischen Verse zum Tode verurteilte, garantierte der damalige britische Innenminister Douglas Hurd in der Moschee von Birmingham den britischen Muslimen die Versammlungs-, Glaubens- und Meinungsfreiheit - unter der Bedingung, dass diese nicht zu Gewaltandrohungen führt oder sogar in Gewalt ausartet. … Sollen wir diesen Weg fortsetzen oder steht nun eine Umkehr an? Letzteres wünscht sich die arabisch-muslimische Diplomatie. Sie will unsere Unterstützung für eine weltweite Verfolgung 'religiöser Verunglimpfung', ein Gesetz, das die Meinungsfreiheit knebelt und die Bürgerrechte einschränkt. Sie fordern uns zum Kreuzzug gegen Atheisten und Gotteslästerer auf. Das ist der falsche Weg. Es ist ein Verrat an unseren Idealen, an den Idealen, für die Douglas Hurd schon damals vor 23 Jahren eingetreten ist." (21.09.2012)
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Le Monde - FrankreichBlinder Eifer steht Demokratie im Weg
Dass ein Low-Budget-Film über den Propheten Mohammed in so vielen muslimisch geprägten Ländern eine Welle der Gewalt auslöst, liegt für den marokkanischen Schriftsteller Tahar Ben Jelloun an deren demokratischem Defizit. In der linksliberalen Tageszeitung Le Monde schreibt er: "Es gibt Tote und Verletzte, Schreie des Hasses und Brandschatzungen, ein großes Unverständnis und vor allem ein Bedürfnis nach Rache. Doch dass es so weit kommen kann, ist nicht überraschend, wenn man sich eingesteht, dass bestimmte islamische Staaten diese Leidenschaft anstacheln, anstatt den Schritt in die Gegenwart zu tun und die Demokratie zu fördern. Diese Leidenschaft hält die Bevölkerung vom Wichtigsten ab: vom Aufbau eines Rechtsstaats, der jedes einzelne Individuum schätzt. Und wenn das Individuum anerkannt wird, bedeutet dies den Bruch mit dem Klan, das Recht auf Freiheit und auf ein eigenes Bewusstsein und schließlich die Möglichkeit kritischer Reflexion. Und das können die islamischen Staaten nicht tolerieren." (21.09.2012)
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Trouw - NiederlandeMartin Schulz muss Meinungsfreiheit verteidigen
In den Niederlanden steht der Vorsitzende des Europa-Parlaments Martin Schulz in vielen Medien in der Kritik, weil er nach dem Angriff auf das US-Konsulat in Libyen den Anti-Islamfilm Die Unschuld der Muslime verurteilte. Auch die christlich-soziale Tageszeitung Trouw findet, dass sich Schulz stärker für die Meinungsfreiheit hätte einsetzen müssen: "Die Macher von provozierenden anti-islamischen Filmen, Büchern, Pamphleten oder Karikaturen genießen die Meinungsfreiheit, allerdings nur innerhalb gesetzlicher Grenzen. Und gleichzeitig haben andere Menschen die Freiheit, gegen diese Veröffentlichungen zu demonstrieren und deshalb sogar bis vors Gericht zu ziehen. Aber sie dürfen eben niemals mit Gewalt reagieren. Diesen Zusammenhang zwischen Rechten auf der einen und einer großen Verantwortung auf der anderen Seite hätte Schulz ansprechen müssen. ... Denn es geht hier um die Freiheit der Bürger gegenüber dem Staat: Keine Politik, Ideologie oder Religion verleiht einem Staat das Recht, den freien Fluss von Gedanken zu unterdrücken. Jeder weiß, dass auch Schulz das nicht will. Aber wenn er das Gesicht Europas ist, muss er dies auch deutlich machen." (21.09.2012)
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Alfa - LitauenArabischer Frühling ist nicht tot
Infolge der Proteste in muslimisch geprägten Ländern gegen den in den USA veröffentlichten Anti-Islam-Film haben internationale Medien begonnen, den Tod des arabischen Frühlings zu prophezeien. Doch das Portal Alfa ist anderer Meinung: "Es ist noch zu früh, bittere Tränen zu vergießen. Hinter den in den Medien der Welt massenhaft veröffentlichen Fotos von Unruhestiftern steckt eine viel interessantere Wahrheit. An den Protestaktionen haben sich diesmal so wenig Menschen beteiligt wie nie zuvor. So haben sich zum Beispiel auf dem Tahrir-Platz von Kairo mit 9 Millionen Einwohnern knapp 1.000 Menschen versammelt. Im vergangenen Jahr haben dort regelmäßig hunderttausende Menschen protestiert, trotz der realistischen Gefahr, getötet zu werden. Und schließlich haben sie den Diktator Hosni Mubarak gestürzt. Nun waren nur wenige Demonstranten entschlossen, auf Zäune von US-Botschaften zu klettern oder Diplomaten zu töten." (20.09.2012)
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