Top-Thema vom Mittwoch, 15. November 2006
Der Islam in Europa
In vielen Ländern Europas bekunden Muslime den Wunsch, ihre Religion sichtbarer vertreten zu sehen. Wie geht die christliche Mehrheit mit diesem Wunsch um? Und gibt es gemeinsame Anknüpfungspunkte?
Berlingske - Dänemark
Der dänische Imam Abdul Wahid Pedersen, der sich für einen Dialog der Kulturen einsetzt, hat vorgeschlagen, in Dänemark einen Scharia-Rat zu gründen. Innermuslimische Angelegenheiten sollten seiner Vorstellung nach von einer islamischen Gerichtsbarkeit entschieden oder geschlichtet werden - beispielsweise Scheidungen muslimischer Ehen. Die Zeitung ist strikt dagegen: "Die Idee eines Scharia-Rates klingt zwar vertrauenswürdig, doch das ist sie nicht. Sie ist Ausdruck davon, dass einige die Geschichte, die Traditionen und die Werte, die hier im Lande herrschen, nicht anerkennen wollen. Dänemark ist ein Rechtsstaat, in dem das Grundprinzip gilt, dass alle vor dem Gesetz gleich sind. Wir sind keine multijuristische Gesellschaft, in der es besondere Räte oder Instanzen gibt, die Konflikte in bestimmten Bevölkerungsgruppen lösen." (15.11.2006)
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Le Temps - Schweiz
In der Schweiz wird über Moscheebauten debattiert - konkret geht es um zwei Minarette in den Gemeinden Wangen und Langenthal. Jean-Jacques Roth findet im Gegensatz zur rechtsextremen Partei UDC, dass diese gebaut werden sollten. "Es gibt nichts Wertvolleres als den Laizismus, der heute von den Horden rückschrittlicher Fundamentalisten ernsthaft bedroht wird. Aber um den Laizismus zu verteidigen und um den öffentlichen Raum vor unangebrachten Demonstrationen der Religion zu schützen, muss man der Religion die größtmögliche Freiheit in den Domänen geben, die naturgemäß die ihren sind: bei Friedhöfen und Gotteshäusern... Leugnet man die neue konfessionelle Realität im Land, in der der Islam völlig zu Recht eine Rolle spielt, und betrachtet man die Minarette als Symbol des Fanatismus, das sie nicht sind, dann dient das nicht nur dem Wahlerfolg der UDC, sondern hilft auch den Fundamentalisten." (15.11.2006)
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Süddeutsche Zeitung - Deutschland
Die in Berlin und Jerusalem lehrende Philosophin Almut Sh. Bruckstein sieht in der Grenzziehung zwischen der westlichen und der islamischen Welt heute "die Kehrseite einer Engführung der Ursprungsgeschichte des westlichen Europas". Sie plädiert für die Schaffung einer jüdisch-islamischen Akademie in Europa: "Warum braucht es einen Ort für jüdische und islamische Kultur? Weil diese Traditionen eine gemeinsame philosophische Geschichte teilen, eben jene islamisch-arabische/judeo-arabische Geschichte, die Europas Vernunfts,- Aufklärungs-, und Wissenschaftstradition eminent geprägt hat. Weil die jüdische und islamische Kultur vom christlichen Europa auf ähnliche, wenn auch spiegelverkehrte, Weise veräußert worden sind: die jüdischen Traditionen nach innen hin verdrängt, durch das 'neue Israel' ersetzt und in ihrer (rabbinischen) Kontinuität kaum wahrgenommen, die islamischen Traditionen, die Tradition der 'Muselmänner', nach außen hin ausgegrenzt, dem kollektiven Vergessen überantwortet, aus dem europäischen Bildungskanon ganz und gar gestrichen. Diese Feindesgeschichte hat ihre eigene Bildtradition, tief in der Kultur Europas verwurzelt, in der sich Jude und Muslim oft zum Verwechseln ähnlich sehen." (15.11.2006)
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