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Top-Thema vom Montag, 20. November 2006


Ségolène Royal steuert die Präsidentschaft an

Die französischen Sozialisten haben Ségolène Royal zu ihrer Kandidatin für die Präsidentschaftswahlen im März 2007 gewählt. Europäische Kommentatoren fragen, wofür diese Politikerin steht - und freuen sich auf ein spannendes Wahlkampfduell zwischen Royal und, aller Voraussicht nach, Nicolas Sarkozy.


La Repubblica - Italien

"Veni, vidi, vici - jetzt darf sich Ségolène Royal die Worte von Julius Cäsar zu eigen machen", findet der Politologe Marc Lazar. "Innerhalb eines Jahres hat sie die Umfragen für sich entschieden, den Apparat der Sozialistischen Partei erobert und die Vorwahlen gleich im ersten Anlauf gewonnen... Es wäre ein Fehler zu glauben, ihr Sieg zeuge vom Triumph eines reinen Marketings ohne Ideen. Royal ist eine echte politische Führerin, die das politische System, das immer mehr auf das Amt des Präsidenten und auf die Personalisierung der politischen Auseinandersetzung ausgerichtet ist, perfekt verstanden hat. Es ist ihr gelungen, viele Sozialisten für sich zu gewinnen, weil sie die Einzige ist, der man zutraut, die Rechte zu besiegen... Ségolène steht nicht im Dienste der Sozialistischen Partei. Vielmehr nutzt sie die Partei, um sich in den Präsidentschaftswahlkampf zu werfen, und lässt durchblicken, dass sich ihr Sieg auch positiv auf die Partei auswirken würde." (20.11.2006)


Politiken - Dänemark

Nach der Wahl von Ségolène Royal zur sozialistischen Präsidentschaftskandidatin blickt Chefredakteur Tøger Seidenfaden erwartungsfroh auf den anstehenden Wahlkampf: "Es ist falsch, Royal als oberflächlich oder opportunistisch abzufertigen. Es ist mutig von ihr, Blairs sozialliberale Linie zu verteidigen - in einem Land, in dem die Linke ein antiliberales Selbstverständnis hat. Auch Royals Versuch, den Glauben der Wähler daran zu stärken, dass sie in der Politik etwas bewirken können, ist in einem Land mit einer erstarrten politischen Kultur lebensnotwendig. Obwohl Präsident Chirac sich bis zuletzt bedeckt hält, dürfte kein Zweifel daran bestehen, dass Innenminister Nicolas Sarkozy Royals Widersacher wird. Somit treten die beiden derzeit interessantesten französischen Politiker gegeneinander an, denn auch Sarkozy spricht die existierenden Probleme offen an. Keiner der beiden Kandidaten liebäugelt mit den klassischen Ausweichmanövern in der französischen Politik – nämlich der Illusion, dass sich die Grenzen schließen lassen und sowieso alles die Schuld Brüssels ist." (19.11.2006)


Die Presse - Österreich

Michael Huber traut Ségolène Royal viel zu - und den Franzosen weniger: "Für Sarkozy wird Royal eine unberechenbare Gegnerin und bestimmt die unbequemste. Sarkozy hatte sich auf die traditionelle französische Linkspolitik eingeschossen. Und nun kommt Royal und 'klaut' der Rechten unverschämt exklusive Wahlkampfthemen: Sie spricht von Sicherheit, Ordnung und der Nation. Und fordert gleichzeitig neue Solidarität. Verblüffend ähnlich sind sich die beiden in der Art, bisherige Tabus zu brechen, sehr direkt auf die Bürger zuzugehen, um zu wissen, wo sie der Schuh drückt. Beiden wird die Volksnähe als 'Populismus' angekreidet. Eine andere Frage ist es, ob Frankreich - trotz der momentanen Begeisterung für Royal - wirklich bereit ist, eine Frau an die Staatsspitze zu wählen, ihr das Oberkommando der Streitkräfte zu übertragen und damit auch den Schlüssel zum Atomarsenal anzuvertrauen. Oft sind die alten Reflexe zählebig." (20.11.2006)


Financial Times - Großbritannien

Gideon Rachman überlegt, ob Politik anders ist, wenn sie von Frauen gemacht wird. "Frau Clinton, Frau Merkel und Frau Royal haben alle Wahlkampf mit der Ankündigung schrittweiser Reformen gemacht und befürworteten keinen plötzlichen, alles umstürzenden Wandel... Royals Anhänger bezeichnen das als pointillistische Politik - nach der Malerschule, die Bilder aus vielen kleinen Punkten gestaltet hat... Die wichtigste Genderfrage für Clinton und Royal wird sein, ob Frankreich oder die USA reif sind für eine Frau als Oberbefehlshaberin. Royal kam bei den im Fernsehen übertragenen Debatten immer dann ins Stolpern, wenn sie den Eindruck machte, den Atomstreit mit dem Iran nicht zu verstehen. Ein 'weiblicher Touch' mag für soziale Themen gut sein, sogar in manchen außenpolitischen Zusammenhängen. Aber sind amerikanische und französische Wähler wirklich bereit, den Finger einer Frau auf dem Atomknopf zu akzeptieren? Ich denke, die Antwort wird sein: Warum nicht?" (18.11.2006)


La Libre Belgique - Belgien

"Ungeachtet aller politischer Erwägungen sollte man diese historische Neuerung begrüßen", schreibt Bernard Delattre zur Wahl Ségolène Royals zur Präsidentschaftskandidatin. "Das ist eine hervorragende, wenn nicht gar umwälzende Neuigkeit für ein Land, das sich zum obersten Hüter der Menschenrechte erklärt, aber bei Frauenrechten ziemlich rückständig ist – vor allem wenn es darum geht, dass sie politisch gleich stark vertreten sind. Um nicht in eine Art umgekehrten Sexismus zu verfallen, sollte man jedoch wissen, dass die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht an sich noch kein politisches Programm darstellt und auch keinen unbedingten Zulauf bedeutet. Zu beurteilen sind also wie bei einem Mann Royals politisches Profil und ihre Projekte. Momentan kann man darin Gutes, Zweifelhaftes und weniger Gutes entdecken." (18.11.2006)


» zur gesamten Presseschau vom Montag, 20. November 2006

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