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Top-Thema vom Montag, 27. November 2006


Der Papst besucht die Türkei

Benedikt XVI. reist morgen für vier Tage in die Türkei. Nachdem der Papst vor zwei Monaten in seiner Regensburger Rede Formulierungen gebraucht hatte, die als islamkritisch empfunden wurden, wird seine Reise besonders aufmerksam beobachtet und kritisch kommentiert. Der Türkeibesuch soll aber auch dazu dienen, die Bindungen zwischen der römisch-katholischen und der orthodoxen Kirche neu zu knüpfen.


La Vanguardia - Spanien

"Der Besuch von Benedikt XVI. ist nicht der erste eines Papstes in der Türkei", erinnert die Zeitung. "Paul VI. fuhr 1967 dorthin und löste eine Krise aus, weil er vor der Hagia Sophia niederkniete, die hintereinander eine Basilika, eine Moschee und dann ein weltliches Museum gewesen ist. Johannes Paul II. reiste 1979 nach Istanbul. Diese Besuche waren schon nicht einfach, aber die internationale Lage heute ist eine ganz andere. Der Papst hat Mut bewiesen und diese Herausforderung nicht gescheut. Die Reise wird sehr riskant, nicht nur in spiritueller Hinsicht, sondern auch physisch. Die türkischen Geheimdienste haben Benedikt und seinen Kardinälen empfohlen, kugelsichere Westen zu tragen. Diese Reise ist eine Herausforderung für den Papst, aber auch für das Land, das Mitglied der EU werden will." (27.11.2006)


Le Monde - Frankreich

Für den Religionsexperten Henri Tincq hatte die Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. "das Verdienst, die Debatte über den Glauben und die Vernunft und das jeder Religion eigene Gewaltpotenzial neu zu beleben. Die muslimischen Intellektuellen haben sich ihrer angenommen... Für sie ist es kein Tabu, den 'Itjihad' neu anzustoßen, das heißt die Interpretation der heiligen Texte zu revidieren... Die Papstreise in die Türkei bedeutet Risiko und Chance zugleich. Ein Risiko, weil sich die Spannungen verschärfen könnten, falls Benedikt XVI. erneut als provozierend empfundene Äußerungen macht und die islamischen Nationalisten ungnädig reagieren. Aber auch eine Chance für eine neue Verständigung zwischen dem Islam und dem Christentum in einem säkularen islamischen Land, dessen Geschichte im 20. Jahrhundert gezeigt hat, das es trotz Krisen und Repression zu einer Demokratie (der starken Hand) und einem laizistischen Staat heranwachsen konnte." (27.11.2006)


Frankfurter Allgemeine Zeitung - Deutschland

Aus vatikanischer Sicht ist die Türkeireise von Papst Benedikt XVI. ein Versuch, das Schisma zwischen römisch-katholischer und orthodoxer Kirche zu überwinden. Der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper erläutert im Interview mit Daniel Deckers: "Fünfhundert Jahre lang gab es keine Begegnungen zwischen einem Papst und einem Ökumenischen Patriarchen... Der Besuch soll ein Signal sein, dass die Kirchen des Ostens und des Westens sich entschieden haben, den Weg ihrer Annäherung bis hin zur vollen Gemeinschaft entschlossen weiterzugehen. Die Konflikte in der globalisierten Welt zwingen die Christen, zusammenzurücken und ihre Gemeinsamkeiten gegenüber der islamischen, aber auch der säkularisierten Welt zu entdecken. Das Zusammenrücken der Kirchen des Ostens und des Westens kann außerdem die Integration von Ost- und Westeuropa fördern." (27.11.2006)


The Times - Großbritannien

"Es gereicht der Türkei zur Ehre, dass sie Forderungen, den Papstbesuch abzusagen, nicht gefolgt ist", kommentiert die Zeitung. "Doch der Besuch wird dadurch verkompliziert, dass Ratzinger sich, bevor er Papst wurde, gegen eine EU-Mitgliedschaft der Türkei ausgesprochen und betont hat, wegen ihrer Religion und Kultur gehöre die Türkei nicht dazu... Das hat einem virulenten Nationalismus Auftrieb gegeben, der sich gegen alle Versuche der Westintegration wendet. Was die EU betrifft, so irrt der Papst und sollte wenigstens signalisieren, dass er nicht glaubt, dass diese beiden Kulturen vollkommen inkompatibel sind... In der Türkei gibt es nur ein paar tausend Christen, und sie leiden zunehmend unter Schikanen. Man wirft ihnen vor, missionieren zu wollen, oder konstruiert Anschuldigungen gegen zum Christentum konvertierte Muslime. Jede Annäherung an die Orthodoxie kann nach fast tausendjähriger Spaltung nur ein Test sein. Damit diese Annäherung vor dem Hintergrund zunehmenden muslimischen Misstrauens gelingt, benötigt Benedikt Takt, Geschicklichkeit und Bescheidenheit." (27.11.2006)


» zur gesamten Presseschau vom Montag, 27. November 2006

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