Top-Thema vom Montag, 22. Januar 2007
Die Türkei nach dem Mord am Journalisten Hrant Dink
Am vergangenen Freitag ist der türkisch-armenische Journalist Hrant Dink in Istanbul ermordet worden. Die europäischen Zeitungen gehen der Frage nach, welche gesellschaftlichen Kräfte für das Attentat verantwortlich sind. Sie überlegen, was der Mord über den Zustand der türkischen Demokratie - und damit über die Europareife des Landes - aussagt.
Libération - Frankreich
Hrant Dink "wurde ermordet, um all jene zum Schweigen zu bringen, die in der Türkei den gleichen Kampf kämpfen wie er", entrüstet sich der türkische Politikwissenschaftler Ahment Insel, ein Freund und Weggefährte Dinks im Kampf für die Meinungsfreiheit. "Er wurde als 'armenischer Verräter' stigmatisiert, weil er mit Mut und Leidenschaft für eine demokratische Türkei stritt, die sich ihrer Multikulturalität mit Stolz bewusst ist und diese Vielfalt pflegt. Er trat dafür ein, dass die Türkei das Kapitel Nationalismus und Autoritarismus beendet und sich mutig allen Aspekten ihrer Geschichte stellt, um die Dämonen zu jagen, die sie heimsuchen. Er kämpfte für eine Türkei, in der Religion, ethnische Zugehörigkeit, Rasse oder Sprache kein Stigma mehr sind. Er wusste, dass beim derzeitigen Stand der Dinge dieser Wandel allein durch die europäische Perspektive geschehen kann." (22.01.2007)
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Postimees - Estland
Der Tod von Hrant Dink erinnert Erkki Bahovksi an die Ermordung der russischen Journalistin Anna Politkowskaja im Oktober letzten Jahres. Beide Fälle hätten grundsätzliche Kritik an der Demokratie in den jeweiligen Ländern ausgelöst. Allerdings habe Erdogan – anders als Putin – die Tat umgehend verurteilt: "Die Morde an Anna Politkowskaja und an Hrant Dink oder besser gesagt, die Reaktionen auf diese Taten, haben gezeigt, wer zu Europa gehört und wer nicht. Natürlich hat die Türkei Probleme, die Zypernfrage ist ungelöst, ebenso die Aufarbeitung des Völkermords an den Armeniern. Aber im Gegensatz zu Russland befindet sich die Türkei auf dem richtigen Weg. Man kann nicht behaupten, die Türkei wolle nur einen positiven Eindruck erwecken, um in die EU zu gelangen. Die Türken sind vielmehr selbst davon überzeugt, dass Europa ihnen die Werte bringt, durch die sich ihr Land weiterentwickelt. Wohin aber Russland steuert, weiß keiner so recht." (22.01.2007)
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ABC - Spanien
"Es hilft nicht, wenn Premierminster Recep Tayyip Erdogan den Mord verurteilt und das Attentat als Bedrohung für die türkische Gesellschaft bezeichnet", meint die Zeitung. "Es ist an der Zeit, dass die Türkei, wenn sie als echte Demokratie gelten will, mehr macht als Gesten, die, man muss es beim Namen nennen, nur auf die westlichen Zuschauer zielen. Das Land sollte tun, was der demokratische Anstand verlangt: Es muss den widerwärtigen Paragrafen 301 abschaffen, der aus der türkischen Identität eine gefährliche Mischung macht und bestimmte Religionen und Minderheiten davon ausschließt. Es ist nicht glaubwürdig, dass ein Land, das zur EU gehören will, ein Gesetz beibehält, mit dem man jemanden zum Schweigen bringen kann - die Menschen zum Beispiel, die die Verfolgungen der christlichen Armenier oder Griechen anprangern." (22.01.2007)
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Die Welt - Deutschland
"Die tödlichen Kugeln auf den türkisch-armenischen Publizisten Hrant Dink wurden 'gegen die Türkei' abgefeuert, sagte Ministerpräsident Erdogan. Von Generalstabschef Büyükanit bis zu den Medien wurde dieses Schlagwort in der gesamten türkischen Gesellschaft wiederholt", berichtet Boris Kalnoky und kommentiert: "In Wirklichkeit ist es umgekehrt. Es war die türkische Gesellschaft, die Dink zum Opfer machte, sie war es, die die Kugeln abfeuerte. Über die zahlreichen Prozesse gegen Dink hatten die Medien berichtet. So wurde er zum Verräter abgestempelt. Weil er Dinge sagte, die man in der Türkei nicht sagen darf: Dass Staatsgründer Atatürk ein armenisches Waisenmädchen adoptierte (Dink war selbst Waise) und dass es einen Völkermord an den Armeniern gab... Nun wollen alle 'Hrant Dink' heißen, die ihn zuvor in die Enge trieben: Politiker, Bürokraten und Meinungsmacher. Keiner von ihnen wird jemals selbst erleben, was es bedeutet, von der türkischen Gesellschaft gejagt zu werden." (22.01.2007)
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Der Standard - Österreich
Für Jürgen Gottschlich ist der Mord an Hrant Dink eine "Katastrophe ... für die demokratische, auf die EU ausgerichtete türkische Zivilgesellschaft allgemein, aber insbesondere für die armenische Minderheit und ihre Zukunft... Nach dem Attentat werden sich wohl weder aus den Reihen der Armenier in der Türkei noch aus der Demokratiebewegung insgesamt noch Leute finden, die den Mut aufbringen, die vielfach ideologisch verblendete und historisch uninformierte türkische Bevölkerung mit unbequemen Wahrheiten zu konfrontieren. Es steht zu befürchten, dass die Killer ihr Ziel, die innertürkische Debatte über den Völkermord, die trotz justizieller Verfolgung immer breitere Kreise gezogen hatte, zu beenden, nun zumindest vorläufig erreichen werden." (22.01.2007)
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Dagbladet Information - Dänemark
Die Zeitung macht die gesamte türkische Nation moralisch für den Mord an Hrant Dink verantwortlich. Seit dem Zerfall des Osmanischen Reiches 1920 fürchte man sich in der Türkei vor einer weiteren Zersplitterung. Der Mord an Dink lege dieses nationale Trauma bloß, das die Türkei daran hindere, sich eindeutig der Demokratie zu verpflichten: "Wer Atatürk in der türkischen Öffentlichkeit kritisiert oder die Wahrheit über den Völkermord an den Armeniern sagt, riskiert Entlassung am Arbeitsplatz, Drohbriefe und Gerichtsprozesse. All das ist nicht zuletzt auf die unerhörte Schwerfälligkeit zurückzuführen, mit der die türkische Regierung Paragrafen beseitigt, die Kritik an der offiziellen Geschichtsschreibung unter Strafe stellen. Hrant Dink hat die offizielle türkische Geschichtsschreibung kritisiert. Deswegen ist er gestorben." (22.01.2007)
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