Top-Thema vom Freitag, 9. März 2007
Der Aufstieg von François Bayrou
In den Umfragen zu den französischen Präsidentschaftswahlen am 22. April hat François Bayrou, der Mitte-Rechts-Kandidat, die sozialistische Kandidatin Ségolène Royal mittlerweile eingeholt. Der Konservative Nicolas Sarkozy liegt weiter auf Platz eins. Die europäische Presse versucht, den überraschenden Erfolg Bayrous zu verstehen.
The Independent - Großbritannien
"Es ist Bayrous Masche, Veränderungen geschickt zu umgehen - und nicht etwa sie gut zu heißen", kommentiert Paris-Korrespondent John Lichfield. "Erst steckte Frankreich in der Sackgasse der extremen Linken und der extremen Rechten, jetzt droht die Sackgasse der extremen Mitte. 24 Jahre lang - seit François Mitterrand 1983 dem Sozialismus abgeschworen hat - wurde Frankreich einvernehmlich von Regierungen geführt, die sich durchwurstelten und mal mehr rechts oder mehr links gaben. Ideologische 'Spaltungen' sind in Frankreich nicht das Problem. Bayrou hat ein, zwei halbwegs schlaue Ideen, was die Staatsverschuldung betrifft oder die Sozialabgaben, die seiner Ansicht nach Arbeitsplätze vernichten. Aber er hat keine Machtbasis, um die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen, die Frankreich braucht und angeblich auch will, umzusetzen. Seine Partei UDF ist ein Überbleibsel der antigaullistischen Mitte-Rechts-Koalition von Valéry Giscard d'Estaing und viel zu klein, unterfinanziert und unorganisiert, als dass sie ihm zu einer Mehrheit bei den Parlamentswahlen im Juni verhelfen könnte." (09.03.2007)
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L'Humanité - Frankreich
"Das Bayrou-Syndrom ist ein Symptom - oder vielmehr ein Stigma - des Verfalls unserer politischen Architektur", findet Claude Cabanes, Chefredakteur der kommunistischen Tageszeitung. "Als Ségolène Royal sich von den grundlegenden Positionen der Linken losgesagte, als Nicolas Sarkozy begann, mit den Worten von Jaurès und de Blum zu jonglieren (und sich zum Beispiel zum Anwalt des Staates gegen 'Verräter, Spekulanten und Korrupte' machte), als Jean-Marie Le Pen sich selbst als 'Mitte-Rechts' beschrieb, da nahm die Verwirrung ihren Lauf... Wie bei einer Verschiebung von Erdplatten driftet die französische Gesellschaft zu konservativen Werten, jeder für sich. Es gibt keine gesellschaftliche Alternative... Bayrou scheint nun die bitteren Früchte der 'Rette-sich-wer-kann'-Mentalität der Wähler zu ernten. Das ist eine Sackgasse und eine Illusion. Bayrou ist für Sarkozy das, was Pepsi für Coca-Cola ist." (09.03.2007)
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ABC - Spanien
Die konservative Zeitung meint, François Bayrou könne eine echte Bedrohung für Nicolas Sarkozy werden, nicht aber für Ségolène Royal, die ohnehin "deutlich gezeigt hat, dass sie kein konkretes Programm hat... Dass die sozialistische Kandidatin so wenig Konsistenz hat, scheint für den Aufstieg von François Bayrou von Vorteil gewesen zu sein. Er stellt sich als ein Mann der Mitte dar, verteidigt aber eigentlich das Erbe von Jacques Chirac, das auf einer besonderen Art von Politik basiert, die die französischen Politologen gern als 'Ninismus' bezeichneten: Das bedeutet, sich in der hypothetischen Mitte zu platzieren, so dass man nicht sagen kann, ob es sich um Sozialismus oder Liberalismus handelt. Für alle, die für eine so inhaltsleere Kandidatin wie die Sozialistin nicht stimmen wollen, also für die Anti-Sarkozy-Front, könnte Bayrou der Mann der Wahl sein." (09.03.2007)
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Der Standard - Österreich
Zwar profitiert François Bayrou von der Schwäche seiner Gegner, meint Stefan Brändle, "doch gewonnen hat er noch lange nicht. Wenn ihm die Franzosen in den neusten Umfragen die Gunst geben, dann machen sie vor allem klar, dass sie allein über den künftigen Elysée-Gebieter entscheiden wollen - nicht die Parteien oder Medien, die das Duell 'Ségo' vs. 'Sarko' bereits für ausgemacht hielten. Die störrischen Franzosen folgen damit einem ähnlichen Reflex wie 2002, als sie sensationell den Rechtsextremisten Le Pen in die Stichwahl schickten - vor allem, weil sie das vorgezeichnete Szenario Chirac vs. Jospin nicht mochten. Das wirft die Frage auf, ob aus drei auch vier werden könnten: Könnten sich Sarkozy und Bayrou nicht so weit neutralisieren, dass Le Pen Ende April erneut in den zweiten Wahlgang vorstößt? Le Pen ist immer dann stark, wenn die anderen Kandidaten am Volk vorbeipolitisieren." (09.03.2007)
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