Top-Thema vom Freitag, 30. März 2007
Nationale Identität als Wahlkampfthema in Frankreich
Der französische Präsidentschaftskandidat der Rechten, Nicolas Sarkozy, hat mit seinem Vorschlag für ein "Ministerium für Immigration und nationale Identität" eine lebhafte Debatte in Frankreich ausgelöst. Was ist nationale Identität und wie definiert sie sich in Bezug auf Europa?
Le Jeudi - Luxemburg
Jean Portante betont, "dass nationale Identität ein unscharfes, nicht klar definiertes Konzept ist, das gute und schlechte Seiten hat. Gewiss hat Ségolène Royal, wenn sie von Nation spricht, Werte wie Laizität, Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit, Gleichheit der Geschlechter, Demokratie und so weiter im Sinn. Aber in welcher Hinsicht sind diese Werte exklusiv französisch? Woher weiß man, dass der andere auf derselben Frequenz funkt wie man selbst? Wie kann ein Minister, so wie jetzt Sarkozy, glauben definieren zu können, was nationale Identität bedeutet? Es ist unglaublich schwer und gefährlich zu behaupten, man könne die Identität einer Nation umreißen. Was bedeutet es, französisch, luxemburgisch, italienisch, deutsch zu sein? Das ist eine philosophische Frage, auf die kein Denker, der diesen Namen verdient, eine definitive Antwort geben kann. Wie können es sich also die Präsidentschaftskandidaten erlauben, das zu tun, ohne demagogisch und unaufrichtig zu sein?" (29.03.2007)
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Le Temps - Schweiz
Pierre Veya bedauert, dass die französischen Präsidentschaftskandidaten sich für den "Rückzug" entschieden haben. "Statt eine Debatte über mögliche Veränderungen zu führen, ziehen sie sich auf eine protektionistische Logik zurück, die etwas sehr Mütterliches hat. Sie werfen sich auf die nationale Identität, als ob sie sich selbst davon überzeugen wollten, dass das gallische Dorf den Eroberern der modernen Welt Widerstand leistet. Frankreich glaubt immer noch, dass am Ende die ganze Welt so denken wird wie Frankreich. Es vergisst dabei, dass jedes Land die Vielfalt der Nationen akzeptieren und sich der Welt öffnen muss, um sich weiterzuentwickeln... Tragischerweise verstärkt das französische Beharren auf der eigenen Identität, das wir gerade beobachten, die Idee, dass es bergab geht, weil die Globalisierung uns dazu zwingt. Dabei trägt Frankreich, wie alle anderen Länder auch, selbst zu seinem Glück oder Unglück bei." (30.03.2007)
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Les Echos - Frankreich
Françoise Fressoz ist der Ansicht, dass die französische Debatte über nationale Identität "geradezu zwingend ist in einem Moment, in dem sich die Krise nicht nur auf eine, sondern zwei Identitäten erstreckt: die französische und die europäische. Frankreich scheint in der allgemeinen Weltunordnung nur eine ganz kleine Rolle zuzukommen. Die französischen Präsidentschaftskandidaten versuchen der französischen Seele zu schmeicheln, indem sie Themen wie Einwanderung ansprechen oder patriotische Lieder anstimmen – beides kommt in den Umfragen eher schlecht an. Sie werden nicht umhin kommen, deutlich zu machen, wohin sie das Land führen wollen. Und das ist ja auch Ziel einer solchen Wahl: über Frankreich zu reden, wie es sich innerhalb Europas und im Bezug zum Rest der Welt positioniert, seine Schwächen zu benennen, seine Vorzüge herauszuarbeiten, seine Verbündeten und seine Feinde zu identifizieren. Ist der Rahmen abgesteckt, wird es viel einfacher sein, mitzureißende Reden zu halten, in denen auch der französische Stolz angemessen gewürdigt wird." (30.03.2007)
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