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Top-Thema vom Donnerstag, 3. Mai 2007


Der schottische Flirt mit dem Separatismus


In Großbritannien finden heute Kommunal- und Regionalwahlen statt. Die Separatisten der Schottischen Nationalpartei (SNP) haben gute Chancen, die stärkste Kraft im schottischen Parlament zu werden. Welche Konsequenzen hätte ein solcher Sieg für den Zusammenhalt Großbritanniens?


Le Soir - Belgien

London-Korrespondent Marc Rozen fragt, warum die separatistische Bewegung in Schottland derzeit so populär ist: "Die SNP verspricht im Falle eines Sieges ein Referendum über die Selbstbestimmung Schottlands, das zum Zerfall Großbritanniens führen könnte... Die Unzufriedenheit mit London liegt in der Feindschaft zur britischen Labour-Regierung begründet, vor allem zu Tony Blair. Dieses Misstrauen rührt aus dem Irakkrieg und dem Krieg in Afghanistan, wo viele schottische Soldaten dienen. Dazu kommen Abnutzungserscheinungen der Regionalregierung, einer Koalition aus Labour und Liberaldemokraten, die seit acht Jahren im Amt ist. Die SNP profitiert von den Protestwählern, nicht die Konservativen, die im Norden wenig präsent sind und heimlichen Zulauf von englischen Nationalisten haben." (03.05.2007)


El País - Spanien

Ian Bremmer, Vorsitzender der Eurasia Group, einer amerikanischen Agentur zur Risikoprävention, warnt vor einem Sieg der SNP bei den schottischen Parlamentswahlen: "Ein von den Nationalisten beherrschtes schottisches Parlament könnte Auswirkungen über Großbritannien hinaus haben. Ein Sieg der SNP und die mögliche Abspaltung von Großbritannien würde eventuell die katalanischen und baskischen Separatisten in Spanien, die Flamen in Belgien oder die Norditaliener, die sich vom ärmeren Süden des Landes trennen wollen, beflügeln. All das sind Bewegungen, die sich im Laufe vieler Jahre und je nach den historischen Umständen entwickeln. Ein Schritt Schottlands in Richtung Unabhängigkeit könnte den Separatismus in jedem dieser Länder anheizen. Auch wenn die schottischen Parlamentswahlen wohl kaum einen Dominoeffekt haben werden, so sind es die kleinen Erschütterungen, die große politische Bewegungen wie die Demokratisierung, die Entkolonialisierung, den Sozialismus, den Kapitalismus oder den Nationalismus auslösen." (03.05.2007)


Der Standard - Österreich

Erhard Stackl hält die Warnungen Tony Blairs, die nationalistischen "Reaktionäre" würden Schottland wirtschaftlich in den Untergang führen, für übertrieben. "Wer einmal erlebt hat, wie SNP-Chef Alex Salmond auf den Straßen von Glasgow von aus Pakistan stammenden Geschäftsleuten freundlich empfangen wurde, wird sich mit der Kategorisierung der SNP als dumpfbackige und fremdenfeindliche Kiltträger schwer tun. Mit einem gesellschaftspolitisch links von Labour stehenden Programm und mit von Irland abgeschauten Plänen einer für Unternehmer und Investoren vorteilhaften Steuerreform passen sie schlecht zu Blairs Zerrbild. Ein in der EU vereintes Europa, in dem die Grundregeln in Brüssel festgelegt werden, begünstigt die (relative) Selbstständigkeit von Regionen ebenso wie die vernetzte Mediengesellschaft (was der Theoretiker Marshall McLuhan schon vor Jahrzehnten prophezeit hat)." (03.05.2007)


The Irish Times - Irland

"Ein eigenständiges Schottland könnte in Bezug auf ausländisches Kapital und ausländische Arbeitskräfte ein aggressiverer Konkurrent für Irland werden, auch wenn beide Länder dann möglicherweise enger im Rat der Inseln oder im Rat der EU zusammenarbeiten würden", schreibt Michael O'Sullivan, Autor des Buches "Irland und die globale Frage". "Schottische Politiker, die für die Unabhängigkeit sind, verweisen immer dann auf Irland als Vorbild, wenn sie ihren Bruch mit England begründen wollen... Irland ist ein sehr globalisiertes Land und hat wenig Kontrolle über seine wirtschaftspolitische Umgebung, die Auswirkungen der globalen Finanzmärkte oder von Weltereignissen. Gleichzeitig ist die irische Gesellschaft in zunehmendem Maße vom Geist des keltischen Tigers durchdrungen - und ist spürbar weniger gleich, frei und brüderlich. Dieser Trend könnte die Schotten davon überzeugen, sehr vorsichtig mit ihren Wünschen umzugehen." (03.05.2007)


The Independent - Großbritannien

"Kaum jemand interessiert sich dafür, was die Menschen in England – die immerhin 85 Prozent der Union ausmachen – über diese denken", schreibt Sue Stirling. "Die öffentliche Meinung Englands zur Union ändert sich gerade drastisch. Die Schotten mögen zwar der SNP ihre Stimme geben, dennoch findet die Unabhängigkeit nicht mehr Befürworter als vor 20 Jahren. In England dagegen sprechen sich jetzt immer mehr Menschen für ein eigenes Parlament aus; manche Umfragen legen sogar nahe, es könnte eine Mehrheit für einen Alleingang Englands geben. Auf jeden Fall gibt es eine zunehmende Tendenz der Engländer, sich als 'englisch und nicht britisch' zu definieren: 1992 waren es 30 Prozent, 2005 schon 40 Prozent. Man spürt regelrecht, wie die Unruhe in England wächst... Es gibt weiterhin die mit der Dezentralisierung verbundenen Unausgewogenheiten, die ein Gefühl von Ungerechtigkeit bei den Engländern nähren. Schottische Parlamentsmitglieder stimmen über Gesetze ab, die nur England betreffen. Und der englische Steuerzahler ... subventioniert weiterhin Schottland." (01.05.2007)


» zur gesamten Presseschau vom Donnerstag, 3. Mai 2007

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